Die Engel von Medellín 2019-03-20
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Die Engel von Medellín

Schicksale

Die vierjährige Sophia hat seit Tagen sehr hohes Fieber. Betreut wird sie von ihrer zwölfjährigen Schwester, die Mutter ist arbeiten. Beim Arzt waren sie nicht, das ist zu teuer. Auch Medizin können sie ihr bisher nicht kaufen. Ich sage der Schwester, dass Sophia vor allem viel trinken muss, damit sie nicht dehydriert. „Aber das Wasser hier ist schmutzig, davon bekommt man Bauchschmerzen!“, antwortet sie mir. Also ist auch kein Geld für Trinkwasser da. Ich gebe ihr von meinem Wasser, die Kleine ist so durstig. Andere Kinder sehen das und fragen mich anschließend auch nach Wasser. Als Sophia erneut einen schweren Fieberschub bekommt, schickt Marcos die Schwester sofort mit Geld zur nächsten Apotheke. Er fühlt sich verantwortlich, kann nicht verantworten, dass die Kleine in diesem schlimmen Zustand bleibt.

An einem anderen Tag kommt eine junge Mutter mit ihrem ein paar Wochen alten Baby in die Stiftung. Sie ist erst vierzehn Jahre alt, der Vater des Kindes wurde erst vor kurzem von den Guerilla-Kriegern erschossen. Wo vor kurzem noch die romantische Idee von einer jungen Kleinfamilie war, ist jetzt nur Schmerz und Hoffnungslosigkeit geblieben. Marcos gibt ihr eine Soforthilfe für Essen und Windeln. Zudem bietet er ihr an, einmal die Woche in der Stiftung zu helfen. So kann sie sich etwas verdienen, fühlt sich gebraucht und ist nicht alleine.

Maria ist weit über 70 und hat ihr ganzes Leben lang ihren 40-jährigen, schwerstbehinderten Sohn Favel gepflegt. Ihr Zuhause ist nichts weiter, als ein aus Brettern zusammengehauener Raum in dem sie beide leben. Nun hat Maria Krebs im Endstadium und wird nicht mehr lange leben. Das Krankenhaus hat sie im wahrsten Sinne des Wortes rausgeschmissen. Denn wenn sie dort stirbt, müssen sie sich um die Beerdigung kümmern. Wenn sie jedoch Zuhause stirbt, ist sie den nicht existenten Verwandten überlassen. Marcos spricht seit Tagen mit Behörden um sicherzustellen, dass sich jemand verantwortlich fühlt sobald sie stirbt und vor allem, dass ihr Sohn Favel dann in einem Heim untergebracht wird.

Dies sind nur einige der Schicksale, mit denen ich in den letzten Tagen während meiner Arbeit für die Engel von Medellín konfrontiert wurde.

Selbstloses Handeln – auch das ist Yoga

Ich hatte schon länger die Idee, meinen sechsmonatigen Aufenthalt in Südamerika mit einer sozialen Arbeit abzuschließen. Seit langem habe ich das Gefühl, dass ich auch endlich mal etwas zurückgeben muss, wo ich doch so ein tolles und aufregendes Leben habe. Ich bin mir darüber im Klaren, dass viele meiner Abenteuer nur möglich sind, weil ich das Glück hatte in einem Erste-Welt-Land geboren zu sein. Als ich mich zur Yoga-Lehrerin ausbilden ließ, haben wir auch über Karma-Yoga gesprochen. Das ist eine der vier klassischen Hauptformen des Yoga und kann sehr gut in unserem alltäglichen Leben ausgeübt werden. Beim Karma-Yoga geht es unter anderem um selbstloses, nicht egoistisches Handeln.

Über einen Bekannten habe ich den Kontakt von Marcos bekommen. Der aus den Vereinigten Staaten kommende Mann ist der Gründer der Stiftung „Angeles de Medellín“, die „Engel von Medellín“. Seit über neun Jahren ist er bereits in Medellín und kümmert sich dort liebevoll um die Ärmsten der Armen, die sonst von niemandem Unterstützung bekommen. Marcos ist ein beeindruckender Mensch – engagiert, zielstrebig und immer gut gelaunt.

Der Ort hoch oben in den Bergen, weit außerhalb des Stadtzentrums, an dem sich die Stiftung befindet, heißt „Regalo de Díos“, auf Deutsch „Geschenk Gottes“. Einen ironischeren Namen hätte ich mir für diese Gegend kaum vorstellen können, fast wirkt es schon sarkastisch auf mich. Denn hier bekommt keiner was geschenkt. Hier ist das Leben hart, traurig und mit wenig Zukunftsperspektive.

Marcos hat hier eine kleine Halle und einige Räume in einem benachbarten Gebäude angemietet. Jeden Wochentag können sich die Kinder und Jugendlichen der Gegend dort von 11 bis 15:30 Uhr aufhalten, um zu spielen, lernen oder auch einfach Zeit mit den „Gringos“ (Ausländern) zu verbringen und ihren Alltag für eine Weile zu vergessen. Die Stiftung trägt sich ausschließlich über Spenden. Jeder, der hier für eine Zeit mithelfen möchte, wird um eine Spende gebeten, denn andere finanzielle Unterstützung bekommt Marcos nicht.

Arbeiten mit den Engeln

Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß, wir spielen viel, lachen, toben, meistens herrscht eine ausgelassene Stimmung. Ich liebe es mit Kindern Zeit zu verbringen und die Kinder hier sind einfach ganz besonders. So höflich und gut erzogen, nie werden sie laut oder streiten sich, sowas habe ich selten erlebt. Viele Kinder umarmen mich spontan, wollen einfach mal gedrückt werden und spüren, dass sie geliebt werden. Ich freue mich ihnen ein bisschen Wärme und Liebe schenken zu können, damit sie für eine Weile vergessen können in welchen Umständen sie aufwachsen. Mit meiner Anwesenheit kann ich Momente der Freude in ihr Leben bringen – Leben, in denen die Zukunft eigentlich keine Zukunft hat. Denn nur die wenigsten schaffen es hier raus. Die meisten von ihnen sind sogenannte „Desplazados“ (Vertriebene), die von den Guerilla-Kriegern und Drogenbanden aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Männer sieht man hier deutlich weniger, die meisten Mütter sind alleinerziehend. Ihre Männer sind den Bandenkriegen zum Opfer gefallen.

Während meiner Tage dort habe ich immer wieder einen Kloß im Hals und bin den Tränen nahe, wenn Marcos mir von den vielen schweren Schicksalen erzählt. Am Abend probiere ich dann zu verarbeiten, was ich dort erlebt habe. Manchmal laufen mir einfach nur die Tränen und in mir macht sich ein Gefühl aus Wut, Trauer und Hilflosigkeit breit.

Und dann frage ich mich, wie ich zukünftig mit diesen Bildern und Geschichten ohne Schuldgefühle weiterleben kann. Ich habe Schuldgefühle, weil es mir so gut geht und ich bisher einfach nicht genug dafür getan habe, etwas zurückzugeben. Meine Entscheidung ein veganes Leben zu führen war sicherlich schon ein Schritt in die richtige Richtung. Dass man damit nicht nur Tierleben, sondern auch Menschenleben rettet weiß jeder, der sich schon einmal mit diesem Thema auseinander gesetzt hat.

Aber ich muss mehr tun und ich will mehr tun. Nicht nur um mein Gewissen zu erleichtern, sondern um meine Spuren auf diesem Planeten zu hinterlassen und die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Mit den Spenden die Marcos erhält, kauft er zum Beispiel neue Schuhe für die Kinder, Schulmaterialien oder Regenschirme. Er hat immer viele tolle neue Projekte, unter anderem hat er gerade ein Projekt für die alleinerziehenden Mütter eröffnet. Jeden Mittwoch kocht nun eine Gruppe von Müttern für die körperlich oder geistig behinderten und die ältesten Menschen der Gemeinde. Mit der Arbeit können sie sich etwas verdienen und fühlen sich gebraucht.

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