Die Stimme in meinem Kopf 2019-02-07
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Die Stimme in meinem Kopf

Immer wieder meldet sie sich ungefragt zu Wort und gibt oft die unmöglichsten Sachen von sich.

Zum Beispiel, als ich letzte Woche mit meiner Freundin in Buenos Aires im Freibad lag, da konnte sie gar nicht genug davon kriegen über die an meinem Liegestuhl vorbeiziehenden Leute zu urteilen. Sätze wie: „Der war eindeutig zu lange in der Sonne, sieht ja aus wie ein Brathähnchen!“ oder „An ihrer Stelle würde ich aber keinen Bikini tragen!“ kamen wie automatisch. Schnell wurde ich mir darüber bewusst, dass die Stimme in meinem Kopf wieder die Kontrolle übernommen hatte. Aber gerade wenn man in einer Gruppe ist und sich gegenseitig noch anstachelt, ist es schwer sie auszuschalten. Obwohl ich doch schon lange vorher entschieden habe, dass ich nicht mehr urteilen möchte, die Menschen so akzeptieren möchte wie sie sind. Weil ich mir das auch wünsche: dass die anderen mich so akzeptieren wie ich bin und nicht über mich urteilen. Aber die Stimme und ich, wir sind einfach oft nicht derselben Meinung.

Und dies war auch einer der erschreckendsten und faszinierendsten Momente auf meinem bisherigen Weg zu mir selbst: die Erkenntnis, dass die Stimme in meinem Kopf und ich nicht ein und dieselbe Person sind. Ich hatte schon vorher in den verschiedensten Büchern über dieses Phänomen mit den drei Buchstaben gelesen: EGO. Doch als ich mir dessen Präsenz das erste Mal wirklich bewusst wurde, konnte ich es fast nicht glauben, war geradezu geschockt. Von da an fing ich an meine eigenen Gedanken „zu beobachten“. Und war oftmals erschrocken, da sie doch in den meisten Fällen gar nicht mit meinem eigentlich sehr positiven und liebevollen Naturell übereinstimmten. Immer öfter ertappte ich meine Gedanken dabei, wie sie vorschnell urteilten und Leute in bestimmte Kategorien einteilten. Und schlimmer noch; selbst bei Menschen, die mir sehr wichtig sind und nahe stehen, kamen in den verschiedensten Situationen Gedanken der Missgunst und des Neides auf. Dann begann ich mich zu fragen, was genau dahinter steckt.

Als Kind war ich noch völlig unbefangen und frei von jeglichen Vorurteilen. Unbeschwert und mit reinem Herzen habe ich in allem ein Wunder gesehen und jede Sekunde des Lebens in mir aufgesogen. Im Jetzt zu leben war damals ganz selbstverständlich, nie habe ich Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft verschwendet. Doch mit dem Laufe der Zeit wurde mir dies genommen. Von allen Seiten bekam ich die verschiedensten Meinungen und Ideologien „eingepflanzt“. Familie, Lehrer, Medien – alle wussten und wissen immer ganz genau, was das Richtige für mich ist, was ich im Leben brauche zum Glücklich sein und wie ich es erreichen kann. Nach und nach wurden meine natürlichen Instinkte so vernebelt, die Stimme des Herzens immer leiser. Bis ich irgendwann fast vergessen hatte, das sie existiert und das Ego schon längst die Kontrolle übernommen hatte.

Das Ego liebt es, sich mit anderen zu vergleichen und befindet sich in einem ständigen Kampf um das „Selbstwertgefühl“ aufrechtzuerhalten. Es bringt uns Freude zu wissen, dass wir den besseren Job haben, mehr Geld auf dem Konto oder die schönere Nase. Doch wehe, wir treffen auf jemanden, der es scheinbar „besser“ angetroffen hat als wir. Sofort ist das Ego gekränkt und wir suchen nach etwas negativen um den Erfolg oder das Aussehen des anderen abzuwerten.

Doch wie finden wir nun zurück zu uns? Wie können wir lernen dieses Gedankenchaos auszuschalten oder zumindest erst einmal leiser werden zu lassen?

Wenn man beginnt, seine eigenen Gedanken bewusst wahrzunehmen und erkennt, dass es keine Worte sind die dem eigenen Herzen, dem „wahren Ich“, entspringen, ist man auf dem ersten guten Weg sich vom Ego zu entfernen. Und dies ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Prozesse auf dem Weg zu sich selbst. Wenn du dich also wieder einmal dabei ertappst, dass du vorschnell urteilst – halte inne und überwältige das Ego mit Gedanken voller Liebe.

Und ebenso, wenn jemand sich deiner Meinung nach unfair dir gegenüber verhält und Dinge sagt, die dich verletzten: verurteile diesen Menschen nicht dafür sondern erinnere dich daran, wie oft DEIN Ego schon laut oder leise über andere geurteilt hat. Schenke dieser Person ein Lächeln und deine Liebe und lasse dein Ego nicht Überhand über diese Situation gewinnen. Wir alle müssen ständig an uns arbeiten und auch der Prozess des Vergebens ist ein wichtiger Teil auf dem Weg zu sich selbst. Was mir sehr geholfen hat, mich von der Stimme in meinem Kopf zu distanzieren ist die Meditation. Während meines Aufenthaltes in einem Ashram in Thailand, wo ich mich im Sommer 2014 zur Yoga-Lehrerin habe ausbilden lassen, habe ich damit begonnen. Jeden Morgen pünktlich um 6:30 Uhr haben wir uns zur gemeinsamen Meditation versammelt.

Viele denken bei Meditation direkt an etwas unheimlich Spirituelles, eine Art Ritual einer anderen Religion, mit dem sie sich nicht identifizieren können. Doch Meditation hat nichts mit irgendeiner Religion zu tun.

Das Wort stammt vom lateinischen und griechischen ab, wo es so viel wie „nachdenken, überlegen“ heißt. Dadurch wird es schon fast zu einem Oxymoron, da ein angenehmer Nebeneffekt der Meditation ist, dass man auch einfach mal an nichts denken kann. Dass dies gerade am Anfang nahezu unmöglich ist, wird jeder wissen der es schon einmal selbst ausprobiert hat. Sobald man sich in einer bequemen Position hingesetzt hat, die Augen schließt und probiert sich NUR auf seinen Atem zu konzentrieren, kommen die Gedanken auf einmal aus allen Richtungen angeflogen. Man erwischt sich ganz schnell dabei, wie man den Tag nochmal Revue passieren lässt, die Pläne für die kommenden Stunden durchgeht und oft kommen einem auch Erlebnisse von früher in den Kopf. Dieses Gedankenchaos zu kontrollieren ist nicht einfach. Doch wenn man sich jedes Mal, wenn man sich über sein Abschweifen bewusst wird, wieder entspannt und nur auf die Atmung konzentriert werden die Phasen des „Nichtdenkens“ mit der Zeit immer länger. Als ich das erste Mal für eine längere Zeit so einen Punkt erreicht hatte, fühlte ich mich vollkommen friedlich, glücklich und eins mit meinem Körper. Das Gefühl, dass dieser Ort in mir drin mir jederzeit zur Verfügung stellt, egal wann und wo ich gerade bin, ist einfach wundervoll.

Auch die gesundheitlichen Vorteile der Meditation sind längst wissenschaftlich bewiesen. Neben der Reduzierung von Stress gehören dazu unter anderem eine erhöhte Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeit, Anstieg der Kreativität, Linderung von Schmerzen sowie die Verbesserung des Schlafes. Je öfter man Abstand von seinem Gedankenchaos nimmt, desto eher erwischt man sich im Alltag wenn das Ego mal wieder die Kontrolle übernehmen und uns mit negativen Gedanken von uns selbst trennen möchte.

Dies alles ist ein Prozess und sicherlich nicht von heute auf Morgen zu bewältigen. Wichtig ist auch, dass man sich nicht selbst verurteilt, sondern geduldig ist. So nehme ich es oft mit Humor, wenn ich meine Stimme wieder dabei ertappe, wie sie sich bei mir und anderen unbeliebt machen möchte. Und ich bin mir sicher, dass sie immer leiser wird, je mehr ich zu mir selbst zurück finde. Wenn ich wieder vollständig im Jetzt lebe und in allem ein Wunder sehe, so wie damals.

Ich liebe dieses Zitat und es passt so toll zum Thema:

Glaub nicht alles, was du denkst.

– Byron Katie

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