Diskriminierung und Ignoranz

Diskriminierung und Ignoranz

Diskriminierung und Ignoranz

Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte der Menschheit, in der eine Gruppe von Menschen ihre Überlegenheit gegenüber einer anderen Gruppe von Individuen verkündet hat. Die Folgen dieser Diskriminierung führt meist zu Ausbeutung, Folter und Tötung von Mitgliedern der unterlegenen Gruppe. Berühmte Paare von Unterdrückern und Unterdrückten sind „Mann und Frau”„Weiß und Schwarz”„Nazi und Jude” oder „Mensch und Tier”. Die Nennung des letzten Paares in dieser Liste mag für den ein oder anderen ungewöhnlich erscheinen. Jedoch ändert die Tatsache, dass die „Kontrahenten” in diesem Fall einer anderen Spezies angehören, nichts an der psychologischen Ursache der resultierenden Diskriminierung. So beschreibt der Tierrechtsaktivist Gary Yourofsky die Ausbeutung, Folter und Tötung von Tieren in der heutigen Massentierhaltung als den größten Holocaust in der Geschichte der Menschheit. AnimalEquality schätzt, dass insgesamt mehr als 56 Milliarden Nutztiere jedes Jahr getötet werden und dennoch haben wir Menschen ein System entwickelt, in dem das Tierleid weitgehend unbemerkt bleibt und von der Mehrheit der Verbraucher ignoriert wird.

In der Lehre des Buddha ist Diskriminierung eng mit der Ursache unserer Unzufriedenheit und unserem selbst erzeugten Leid verbunden. Buddhisten nennen diese Ursache „Avidya” oder Ignoranz. Allerdings ist hier nicht die Art von Ignoranz gemeint, die wir oft mit Arroganz verwechseln, sondern eher eine Art der Unkenntnis. Ignoranz verhindert, dass wir das Leben ohne Diskriminierung in unserem Denken wahrnehmen können.

Ähnlich wie im Beispiel der Massentierhaltung ist diese Ignoranz offensichtlich, sobald wir sie einmal selbst erkannt haben. Eine solche Erkenntnis lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Wenn wir die unbeschreibliche Ungerechtigkeit, die Tieren in der modernen Massentierhaltung angetan wird, einmal selbst erkannt haben, dann können wir diese Tatsache nicht mehr länger ignorieren.

Unser diskriminierender Verstand arbeitet unter der Annahme, dass wir auf seltsame Art und Weise von unserer Umwelt getrennt sind. Da ist das „Ich hier drinnen” und „die Welt da draußen”. Wir erleben uns als abgetrennte und eigenständige Einheit, obwohl alles was wir in Wirklichkeit finden können, ein sich ständig verändernder Fluss einer kernlosen Erfahrung ist. Wenn wir zum ersten Mal darüber nachdenken, erscheint uns eine solche Sichtweise vielleicht vollkommen abwegig. Unser Gefühl ein eigenständiges „Ich” zu sein, ist oft sehr ausgeprägt. Wenn wir unsere eigene Erfahrung jedoch etwas genauer unter die Lupe nehmen, dann stellen wir relativ schnell fest, dass das Gefühl von „Ich hier drinnen” nicht wirklich greifbar ist. Der buddhistische Lehrende Stephen Batchelor beschreibt dieses Phänomen als unsere „existentielle Verwirrung”. Albert Einstein nannte es einmal „eine Art optische Täuschung unseres Bewusstseins”.

Ein Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir „Universum” nennen, ein Teil begrenzt in Zeit und Raum. Er erlebt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle getrennt von seiner Umgebung – eine Art optische Täuschung seines Bewusstseins. Das Streben, sich von dieser Wahnvorstellung zu befreien, ist die einzige Angelegenheit wahrer Religion. Die Täuschung nicht zu nähren, sondern zu versuchen, sie zu überwinden ist der Weg, um am erreichbaren Ziel des inneren Friedens anzukommen.

– Albert Einstein, in einem Brief an Dr. Robert S. Marcus

Wenn wir bewusst durchs Leben gehen, können wir feststellen, dass unser Körper, unsere Gefühle, Wahrnehmungen, Geistesgewohnheiten und unser Bewusstsein vielmehr wie Wolken am Himmel sind. Sie erscheinen, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, und sie verwandeln sich in etwas Neues, wenn sie von den notwendigen Bedingungen nicht mehr unterstützt werden. Je mehr unser Leben von egozentrischen Gewohnheiten (wie z.B. Bequemlichkeit, Ungeduld, Intoleranz, Gier, Neid, Eifersucht, Besorgnis oder Wut) angetrieben wird, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass wir den Schleier unserer eigenen Ignoranz lüften können. Die selbstgefällige Natur dieser Gewohnheiten verstärken den Eindruck von „Ich hier drinnen” und „Welt da draußen”. Unsere heilsamen geistigen Gewohnheiten (wie z.B. Freundlichkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl und Gelassenheit) haben dagegen einen selbstlosen Charakter. Wenn wir diese Geistesgewohnheiten in unser Leben einladen, dann ist es viel wahrscheinlicher, dass wir zu einem tieferen Verständnis unserer eigenen Erfahrung durchdringen.

Das Kultivieren unserer uneigennützigen Qualitäten als Menschen verringert die Tendenz unseres Geistes, sich mit den verschiedenen Aspekten unserer Erfahrung als „Ich” zu identifizieren. Sie sind das Tor zu innerem Frieden und Freiheit.

Der Wert von gesunden Absichten

In den vergangenen Jahren gab es einen medialen Hype um die „Effektivität” von Achtsamkeit und Meditation. Um deren Wirkung auf das menschliche Gehirn nachzuweisen, werden gerne die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien herangezogen. Der ironische Höhepunkt dieses Hypes war vermutlich die Idee, dass Soldaten in der US-Armee durch Achtsamkeitsübungen besser mit dem Stress beim Töten von anderen Menschen umgehen können. Ich denke wir vergessen manchmal einen entscheidenden Schritt, der notwendig ist, damit wir überhaupt von Übungen wie Achtsamkeit und Meditation nachhaltig profitieren können. Dieser Schritt ist das Kultivieren von gesunden Absichten und Motiven für unser Leben als Ganzes.

Vor nur wenigen Jahren war mein Leben überwiegend von egozentrischen Geistesgewohnheiten angetrieben. Ein guter Freund hat mir damals in einem Gespräch eine provokante Frage gestellt und damit einen tiefgreifenden Denkprozess in Gang gesetzt. Er fragte mich: „Was gibst Du eigentlich der Gesellschaft zurück?” Es dauerte ein paar Jahre bis die Frage wirklich bei mir ankam. Obwohl ich diese selbstkritische Frage zum damaligen Zeitpunkt nicht zu schätzen wusste, so bin ich heute dafür dankbar, dass sie mir gestellt wurde.

Kurz vor meinem ersten Meditationsretreat hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich meine Talente und meine Kreativität in Zukunft dafür verwenden möchte, um anderen zu helfen. Ich wollte der Gesellschaft endlich etwas zurückgeben, wie auch immer dies dann aussehen würde. Im Buddhismus nennt man eine solche altruistische Absicht „Bodhicitta”, allerdings ist es ist nicht wirklich wichtig, wie man sie nennt. Psychologisch gesehen hat eine gesunde oder heilsame Absicht den Effekt, unheilsame Denkmuster einfacher zu erkennen. Sie hilft uns zu verstehen, warum diese Denkmuster uns unfrei machen. Als ständige Erinnerung hilft eine solche Motivation beim Kultivieren von heilsamen Gedanken, Worten und Taten. Wenn wir heilsame und gesunde Absichten für unser Leben als Ganzes kultiviert haben, können diese eine kraftvolle Quelle der Inspiration sein.

Zum Beispiel könnten wir uns vornehmen, dem Leid aller Tiere, die von Menschen ohne Respekt und Mitgefühl behandelt werden, ein Ende zu bereiten. Natürlich ist es nicht realistisch, dass wir das alleine schaffen. Der wichtige Aspekt dabei ist jedoch, dass wir uns immer wieder aufs Neue anstrengen, um diesem Ziel entgegenzuarbeiten. Kleine Schritte, wie bewusste Entscheidungen bei der Wahl unserer Lebensmittel, können bereits einen Unterschied machen. Manchmal denken wir, dass unser kleiner Beitrag sowieso nichts verändern wird, aber das ist nicht wahr. Diese Art des Denkens ist lediglich eine Ausrede unseres Egos, dass wir unsere Gewohnheiten und unsere scheinbare Bequemlichkeit nicht aufgeben müssen. Dieser Pessimismus unterschätzt jedoch die langfristige Wirkung von gesunden Absichten auf Geist und Herz. Wenn wir unsere Absichten klar und deutlich formulieren können, dann werden wir auf natürliche Art und Weise andere inspirieren, sich uns anzuschließen. Auf diese Weise wird eine heilsame Veränderung für uns selbst und für die Gesellschaft als Ganzes möglich. Eine heilsame Absicht mag zwar von jemand anderem inspiriert sein, sie ist jedoch nichts was von außen auferlegt werden kann. Vielmehr entsteht sie aus dem eigenen Nachdenken über die Motivationen, die unser Leben antreiben.

Mit Achtsamkeit können wir an uns selbst feststellen, dass sowohl die Wurzel der Diskriminierung, als auch der Ursprung für unsere Unzufriedenheit in unseren unbewussten Absichten zu finden ist. Wenn wir uns selbst nicht gut genug kennen, dann kann sich Diskriminierung unbemerkt nach außen in unseren Gedanken, Worten und Taten fortpflanzen und von dort aus unnötiges Leid für uns selbst und andere verursachen.

Jeder Mensch muss sein Leben als ein Vorbild für andere leben.

– Rosa Parks

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