Eine praktische Anleitung zur Gehmeditation 2019-02-07
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Eine praktische Anleitung zur Gehmeditation

Was kann man beim Gehen schon lernen?

Das dachte ich auch erst, bis ich etwas genauer hingeschaute. Gehmeditation kann man so ziemlich überall praktizieren. Auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Weg nach Hause, beim Warten an der Bushaltestelle, barfuß im Garten auf dem Rasen oder bei einem Waldspaziergang. Die Möglichkeiten sind endlos.

Aber was genau ist Gehmeditation eigentlich? Wie auch andere Formen der Meditation ist sie eine der wenigen Tätigkeiten, bei der wir kein konkretes Ziel verfolgen, sie genügt sich sozusagen selbst. Das heißt jedoch nicht, dass sie zu nichts führt – im Gegenteil. Der Effekt von jeder Meditation ist langfristig, dass wir uns selbst besser verstehen und dadurch unser unerschöpfliches Potential an Freiheit entdecken können. Das Erleben von Freiheit ist die Basis für echte Zufriedenheit. In einer bekannten Zen-Geschichte fragen die Schüler ihren Lehrer nach seinem Geheimnis für ein glückliches Leben. Die Antwort des Zen-Meisters fiel für die Schüler eher unbefriedigend aus. Vermutlich hatten sie ein etwas ausgefalleneres Rezept erwartet.

Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.

– aus einer Zen-Geschichte

Was ist es also, das uns unfrei macht?

In einem Wort: Konzepte. Oder noch genauer gesagt, dass wir die Konzepte in unserem Verstand mit der Realität verwechseln. Der einzige Weg dies zu verstehen, ist genau hinzuschauen. Die Eindrücke unserer Sinne unverfälscht wahrzunehmen, ohne etwas hinzuzufügen, ist anfänglich schwierig. Warum? Vielleicht weil wir verlernt haben auf unsere Intuition zu hören? Vielleicht weil wir ein Leben lang an Konzepten festgehalten haben, ohne zu bemerken dass es eine Alternative gibt?

Gehe als ob Du die Erde mit Deinen Füßen küsst.

– Thich Nhat Hanh, frei übersetzt

Anleitung zur Gehmeditation

1. Entscheide Dich für eine Geschwindigkeit. Wähle für den Anfang ein eher langsames Tempo, um dich mit dem bewussten Gehen vertraut zu machen. Wenn Du in der Öffenlichkeit gehst, gehe vielleicht nicht allzu langsam. Das kann sonst irritierend für Andere sein, die nicht wissen was Du machst.

2. Gehe entweder eine vertraute Strecke (z. B. der Weg zur Arbeit) oder stecke Dir in Gedanken eine Distanz von ca. 5 - 10 Meter ab, auf der Du auf und ab gehen kannst (z. B. im Garten oder an der Bushaltestelle).

3. Widme Deine volle Aufmerksamkeit dem Prozess des Gehens.

4. Du kannst Deine Aufmerksamkeit spielerisch und bewusst lenken, es gibt keine fixe Vorgehensweise. Wechsle zwischen einer weiten Aufmerksamkeit und einem engen Fokus.

    - Weite Aufmerksamkeit: z. B. Konzentration auf den ganzen Körper, bzw. des Gehens an sich
    - Enger Fokus: z. B. Kontakt zwischen Fuß und Boden, oder der genaue Ablauf des Abrollens der Füße beim Gehen

5. Wenn Dich nichts vom bewussten Gehen abhält, genieße das Gehen.

6. Wenn Dich etwas davon abhält, Dich bewusst auf das Gehen einzulassen, beobachte mit kindlicher Neugier was es ist. Nimm die Ablenkung wahr und lenke Deine Aufmerksamkeit sanft zurück auf den Prozess des Gehens.

Mögliche Ablenkungen:

    - Der Gedanke: „Was mach ich hier eigentlich?”
    - Planende Gedanken (was muss ich noch alles erledigen?)
    - Gedanken über die Vergangenheit, die wir gerne ändern möchten (aber nicht können)
    - Probleme, die uns gerade in unserem Leben beschäftigen
    - Eine schöne Person, der wir aus Neugier hinterherschauen

7. Beobachte die Wechselwirkungen zwischen den möglichen Ablenkungen. Beispielsweise wie eine vorbeilaufende Person eine Situation aus der Vergangenheit und die damit verbundenen Emotionen wachruft. Nimm auch dies einfach wahr und lenke Deine Aufmerksamkeit sanft zurück auf den Prozess des Gehens.

8. Wenn Dich nichts mehr vom bewussten Gehen abhält, genieße das Gehen. Vielleicht hörst Du ja sogar ein paar Vögel zwitschern... ;)
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