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Kartoffelsalat mit Speck

Kartoffelsalat mit Speck

Situationen und Menschen sind einzigartig. Zusammenhänge sind komplexer als ich es mir vorstellen kann. Das stelle ich meistens dann fest, wenn ich mal wieder dogmatisch denke. So wie vor ein paar Wochen auf der Geburtstagsfeier eines guten Bekannten. Die Stimmung ist hektisch und angespannt, denn irgendwie kamen mehr Gäste als erwartet. Die Gastgeber (ein älteres Ehepaar) haben sichtlich Mühe damit, die vielen Besucher mit Stühlen und Getränken zu versorgen. Kurz nachdem alle fürs Erste zufriedengestellt sind, wird endlich das Buffet eröffnet.

Mit einem Bärenhunger im Bauch stehe ich als Zweiter am Buffet, nur um festzustellen, dass es bis auf Weißbrot und Tomaten absolut rein gar nichts Vegetarisches gibt. Nicht einmal die Salate sind von Schinkenstreifen und Speckwürfeln verschont geblieben. Als die Gastgeberin bemerkt, dass für mich als Vegetarier gar nichts dabei ist, wird es ihr sichtlich unangenehm. Die sowieso schon gestresste ältere Dame wird nun noch unruhiger und ich merke, wie sie gedanklich ihren Kühlschrank nach fleischlosen Alternativen durchsucht, die sie mir jetzt noch schnell zubereiten könnte. Etwas ratlos blickt sie mich fragend an.

Irgendwie überrumpelt, aber dennoch spontan greife ich zum Kartoffelsalat mit Speckwürfeln und sage: „Das wird mich schon nicht umbringen.“ Spürbar erleichtert atmet die Gastgeberin auf. Der dogmatische Vegetarier in mir plärrt beleidigt zurück (zum Glück nur gedanklich): „Ja, Dich bringt es nicht um. Aber die Tiere schon!“ Während ich den hervorragend schmeckenden Kartoffelsalat mit Speck genieße, versucht mein beleidigter Vegetarier mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

Was ist eine bewusste Ernährung ohne Dogma?

Es gibt wenige Dinge die schwieriger sind für den menschlichen Geist, als einen Mittelweg zu finden. Schnell sind wir für oder gegen etwas und haben unsere Gründe gefunden, warum es richtig und wichtig ist, aus einer Überzeugung heraus zu handeln. Eine bewusste Ernährung ohne Dogma ist eine Alternative zu Ernährungsideologien, die kategorisch auf bestimmte Lebensmittelgruppen verzichten.

Wer eine Kategorie dafür braucht, könnte es vielleicht „Flexitarier“ nennen. Genau das ist es jedoch, was eine bewusste Ernährungsweise überwinden möchte: Schubladendenken. Müssen wir aus unserer Ernährung überhaupt eine Ideologie machen? Wer sich undogmatisch und bewusst ernährt, befreit sich von ideologischem Denken und damit von der Vorstellung, dass eine bestimmte Ernährungsweise allgemeingültig erstrebenswert ist.

Die Vermeidung von unnötigem Leid, insbesondere Tierleid, ist eine der grundlegenden Intentionen in der vegetarischen und veganen Bewegung. Der menschliche Impuls für sich selbst und andere zu sorgen, liegt auch einer undogmatischen und bewussten Ernährung zugrunde. Bewusste Ernährung ohne Dogma folgt jedoch keiner ideologischen Vorgabe, sondern ist eine Einladung achtsam zu erforschen, was „unnötiges Leid“ in verschiedenen Situationen und Zusammenhängen alles bedeuten kann. Dies schließt unnötiges Tierleid ebenso mit ein, wie Gedanken über die eigene Gesundheit oder über nachhaltigen Konsum. Wie im oben geschilderten Szenario könnte es situationsbedingt auch bedeuten, die eigene Überzeugung loszulassen, um unnötigen emotionalen Stress für einen anderen Menschen zu vermeiden.

Bewusste Ernährung ohne Dogma kennt weder „richtig“ noch „falsch“, sondern ist vielmehr eine Achtsamkeitsübung, die auf verschiedenen Ebenen zu mehr Freiheit und Bewusstsein führen kann.

Es gibt nur eine falsche Sicht.
Die Überzeugung: Meine Sicht ist die einzig Richtige.
– Nagarjuna

Stigmatisierung von tierischen Lebensmitteln

2013 lag der Fleischverzehr in Deutschland pro Kopf bei 60,3kg und war damit in etwa doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt. Laut aktuelleren Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts GfK, ging die Mengennachfrage nach Wurst und Fleisch jedoch seit 2008 um knapp 10 Prozent zurück. Da Deutschland als „Europas Schlachthaus“ jedoch auch große Mengen an Fleisch exportiert, wurde das erste Quartal 2015 mit einem neuen Rekordwert (2,08 Millionen Tonnen) bei der Fleischerzeugung abgeschlossen.

Um die übermäßige Nachfrage an tierischen Erzeugnissen decken zu können, kommen viele Produkte aus Betrieben, die nur durch staatlich subventionierte Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt funktionieren können.

Kälber, die kurz nach der Geburt gewaltvoll von der Mutterkuh getrennt werden, zu Tode geschredderte Eintagsküken oder bei vollem Bewusstsein kastrierte Ferkel. All das und noch viel mehr findet in deutschen Tierfabriken statt. Viele Dokumentationen über die Massentierhaltung geben mittlerweile Aufschluss darüber, wie wir Nutztiere nicht als fühlende Individuen, sondern als gefühllose Produktionsmaschinen missbrauchen.

Aber auch Menschen leiden unter den Bedingungen in der Massentierhaltung. ZEIT ONLINE veranschaulicht in einem ausführlichen Bericht über die Fleischindustrie in Niedersachsen die Ausbeutung von ausländischen Billigarbeitern. Die menschenverachtende Schattenwelt existiert mitten in Deutschland unter der Beteiligung von namhaften Firmen wie Wiesenhof, Tönnies oder Heidemark. Der Menschenhandel mit Billigarbeitern aus Osteuropa ist gedeckt durch EU-Recht und nicht nur in der Fleischindustrie gängige Praxis.

In Anbetracht des Ausmaßes der durch solche Systeme verursachten sozialen Ungerechtigkeit überrascht es nicht, dass Veganer vor allem aus ethischen Gründen kategorisch auf tierische Lebensmittel verzichten. Das geht aus einer Arbeit über vegane Lebensstile von Andrea Grube hervor. In einem Interview mit dem Magazin tierrechte sagt Grube: „Diese ethisch-moralischen Motive resultieren vor allem aus einem emotionalen Gefühl des Mitleids mit dem Tier.“ Vielleicht kann Veganismus vor diesem Hintergrund als emotionale Antwort auf die durch Massentierhaltung verursachte soziale Ungerechtigkeit verstanden werden.

Dogmatischer Veganismus führt zu einer prinzipiellen Stigmatisierung von tierischen Erzeugnissen. Auch wenn die Zustände in der Massentierhaltung den Eindruck erwecken, so sind tierische Lebensmittel jedoch nicht grundsätzlich umweltschädlich, gesundheitsgefährdend oder in Verbindung mit unnötigem Tierleid zu bringen.

Vegane Produkte sind dagegen nicht automatisch ökologisch nachhaltig oder ethisch korrekt, werden jedoch gerne als solche beworben. Die angewandte Marketingstrategie nennt sich Greenwashing und soll dem Verbraucher das Gefühl geben, etwas Gutes für sich und die Umwelt zu tun. Im Supermarkt frage ich mich manchmal, was an einzeln in Plastik verpackten Tofuwürstchen oder „Bio-Produkten“ mit langen Transportwegen ökologisch nachhaltig sein soll? Greenwashing wird natürlich auch bei tierischen Lebensmitteln als Marketinginstrument angewandt.

Ernsthaftes Interesse an Lebensmitteln

In Deutschland gibt es mehrere Bewegungen, die sich konkret mit nachhaltiger Lebensmittelproduktion beschäftigen. Dazu zählen z. B. ökologischer Landbau, bio-veganer Landbau, viehloser Öko-Ackerbau, Landwirtschaft in Verbindung mit Lebenshöfen oder die solidarische Landwirtschaft, welche ein alternatives Distributionsmodell von Lebensmitteln anbietet.

Auch Bauern aus der konventionellen Landwirtschaft setzen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander. In einer Studie mit jeweils 40 ökologischen und konventionellen Landwirtschaftsbetrieben stellte sich heraus, dass die Nachhaltigkeit der Betriebe stark von den organisatorischen Fähigkeiten des Betriebsleiters abhängt. Gut geführte konventionelle Betriebe schlossen mit ihren Nachhaltigkeitsleistungen besser ab, als durchschnittliche Öko-Betriebe. Im Bezug auf vermeidbares Tierleid sind jedoch auch Öko-Siegel keine Garantie für artgerechte Tierhaltung. Auch in Bio-Betrieben gibt es Massentierhaltung. Ein Beispiel für artgerechten Umgang mit Nutztieren ist dagegen die Stiftung Lebenshof Ziege-Kuh-Mensch. Die Hofbetreiber schreiben auf ihrer Website:

Auf dem Hof leben wir vegetarisch, aber nicht vegan. Zur Zeit werden auf dem Hof Ziegen gemolken und Käse gemacht. Das ist bewusst so gewollt, da wir eben nicht eine einsame Insel sein wollen, wo ein paar wenige Tiere das “Gnadenbrot” erhalten, sondern auch ein Beispiel für andere Landwirte sein wollen, um zu zeigen es geht Beides: mit den Tieren vernünftig, nicht ausbeuterisch, liebevoll und in Würde umzugehen und dennoch Geld zu verdienen.

Für dieses Konzept wurden die Hofbetreiber von ideologisch denkenden Veganern kritisiert, da aus ihrer Sicht nur „Freiheit“ wirklich artgerecht ist. Vegane Absolutisten stilisieren die Natur als romantisches Idyll und übersehen, dass Tiere in freier Wildbahn nicht unbedingt leidfreier leben als in artgerechter Haltung. Ein in der Natur erkranktes Tier wird keinen Besuch von einem Tierarzt bekommen und verendet mitunter qualvoll.

Beispiele wie die Stiftung Lebenshof Ziege-Kuh-Mensch zeigen, dass ein artgerechter Umgang mit Nutztieren nicht zwanghaft mit Besitzdenken oder Ausbeutung in Verbindung gebracht werden muss. Die vegane Position „Nur Freiheit ist artgerecht!“ erkennt nicht, dass Beispiele für artgerechte Tierhaltung auch als Inspiration für andere Landwirte dienen können, um ihren Umgang mit Nutztieren zu überdenken. Wer dogmatisch auf tierische Lebensmittel verzichtet, kann artgerechte Tierhaltung als Konsument nicht unterstützen.

Auf der anderen Seite wird auch der schon oft gehörte Satz „Ich kauf mein Fleisch nur da wo ich weiß, dass es dem Tier gut geht!“ nur kurzfristig zur Beruhigung des eigenen Gewissens dienen, wenn er nicht tatsächlich ernst gemeint ist. Viele tierische Lebensmittel kommen nun mal aus Betrieben, in denen artgerechte Tierhaltung keinen hohen Stellenwert besitzt. Wer die durch Massentierhaltung entstehenden Konsequenzen für Menschen, Tiere und Umwelt als Verbraucher nicht unterstützen möchte, kommt nicht daran vorbei den eigenen Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten kritisch zu hinterfragen. Beim Einkauf von Lebensmitteln wird uns jedoch auch das Heilversprechen „Go vegan!“ nicht weit bringen, wenn wir ethische und ökologische Aspekte ernsthaft berücksichtigen möchten.

In Anbetracht der Komplexität des Themas erscheint mir jegliches schwarz/weiß-Denken im Bezug auf tierische Lebensmittel als irreführend. Die Zusammenhänge sind mal wieder komplexer als ich es mir vorstellen kann. Vielleicht hilft uns nur ernsthaftes Interesse für Herkunft und Produktionsbedingungen unserer Lebensmittel wirklich weiter.

Vegane Ideologie

Die prinzipielle Stigmatisierung von tierischen Produkten führt auch zu einer missionierenden Ideologie innerhalb der veganen Bewegung. Sie teilt die Gesellschaft in zwei Lager: Diejenigen, die schon vegan leben und die Anderen, die noch dort hinkommen müssen. Vegane Ideologie basiert auf einem Gefühl der moralischen Überlegenheit, erhöht den Veganismus als fragwürdiges gesellschaftliches Gesamtziel und fördert unser Schubladendenken.

Vegane Ideologie findet ihren Ausdruck z. B. in den Zielen des gemeinnützigen Vereins Vegane Gesellschaft Deutschland. Der Verein setzt sich nach eigenen Angaben für die „friedliche Veganisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche ein“. Auch Stephanie Stragies, Sprecherin des VEBU (Vegetarierbund Deutschland) sieht den Veganismus als gesellschaftlich erstrebenswertes Ziel und sagt: „Vegetarische Ernährung sehen wir als Zwischenschritt hin zu einer veganen tierleidfreien Ernährung.“ Die missionarische Grundhaltung wird auch auf den Internetseiten des VEBU deutlich: „Wir als Veganer haben uns nicht nur zum Ziel gesetzt, die Menschen davon abzubringen, weiterhin Tiere zu essen. …“ Neben faktischer Aufklärung über Fleischkonsum und Tierschutz, werden auch auf den Seiten der Albert Schweitzer Stiftung die missionarischen Ziele der veganen Ideologie verbreitet. Für Tierrechtsorganisationen wie AnimalEquality steht ebenfalls fest, dass eine vegane Ernährungsweise die Lösung unserer Probleme ist. Die teilweise katastrophalen Zustände in der Massentierhaltung dienen dabei als Bühne, um tierische Lebensmittel prinzipiell zu stigmatisieren.

Warum ist ideologisches Denken gefährlich?

Der französische Philosoph Pierre Louis Althusser verstand den Begriff Ideologie als „eine imaginäre Beziehung zu den realen Bedingungen unserer Existenz“. Er spielt dabei auf das Denken in abstrakten Konzepten an, welche nicht mit den real existierenden Bedingungen und Zusammenhängen übereinstimmen. Oft lenken bewusste und unbewusste Ideen unsere Motivationen, Erwartungen und Ziele.

Durch ideologisches Denken entsteht ein Weltbild, in der vor allem unsere unbewussten Motivationen und Erwartungen zu einem Problem werden können: Sie lassen uns nur noch das sehen, was wir sehen wollen. Dieser „blinde Fleck“ im Bewusstsein führt dazu, dass wir dualistisch denken. Wir ziehen eine imaginäre Grenze zwischen denen, die unserer Meinung sind und den anderen, die wir noch von unserem Standpunkt überzeugen müssen. Aus einem Gefühl der moralischen Überlegenheit heraus werden wir unbewusst zu Missionaren unserer Ideologie.

Ein grundlegendes Ziel der veganen Bewegung ist es, unnötiges Leid zu vermeiden. Steht vegane Ideologie diesem Ziel im Weg?

Misanthropie

Aus dem Gefühl der moralischen Überlegenheit können misanthropische Gefühle und Gedanken gegenüber anderen entstehen, die sich nicht mit unseren Ideen identifizieren. Je stärker die Identifikation mit den Denkweisen unserer Ideologie, desto mehr denken wir dogmatisch und in abstrakten Konzepten. Dabei verlieren wir die Fähigkeit spontan und kreativ auf Situationen zu reagieren, neue Zusammenhänge zu erkennen und andere Sichtweisen zuzulassen.

Ein Beispiel wie sich Tierliebe in Misanthropie verwandeln kann, ist der vegane Aktivist Gary Yourofsky. In einem Video bekennt er sich öffentlich dazu, alle Menschen zu hassen. In seiner extremsten Form wird die Identifikation mit der veganen Ideologie wichtiger als die ursprüngliche Intention, unnötiges Leid zu vermeiden. Das Verständnis von „Leid“ bewegt sich dann nur noch in sehr eng gesteckten Grenzen. So betont Yourofsky beispielsweise, dass sein Menschenhass im Gegensatz zur Massentierhaltung kein „echtes Leid“ verursacht. Vegane Ideologie stellt Tierleid über alle anderen Formen von Leid, die wir als Menschen verursachen. Dogmatisches Denken erkennt unnötiges Leid nicht in seiner ganzen Bandbreite, da es festgefahren, langsam und unkreativ ist.

Totalitäres Denken und krankhaftes Gesundessen

Vegane Ideologie denkt totalitär. Sie nimmt an, dass das, was für manche Menschen gut ist, auch automatisch für alle anderen gut sein muss. In seinem Buch „Somatische Intelligenz“ beschreibt der Ernährungswissenschaftler Thomas Frankenbach warum es wichtig ist, die Signale des eigenen Körpers zu beachten. In einem Interview sagt er: „Jeder Mensch hat aufgrund unterschiedlicher genetischer, immunologischer, kultureller und emotionaler Faktoren auch unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse. Nicht jedes Lebensmittel ist daher für jeden gleich gesund. Es kann durchaus sein, dass wir in unterschiedlichen Lebensphasen auch unterschiedliche Nahrungsbedürfnisse entwickeln. Mit der Somatischen Intelligenz verfügen wir also über einen besonders faszinierenden Mechanismus, mit dem unser Körper eine optimale Versorgung an Nährstoffen und Energie sicherstellt.“

Ernährungsideologien können daher für manche Menschen ernsthaft gesundheitsgefährdend werden, wenn Körpersignale durch dogmatisches Denken ignoriert werden. Menschen die an Orthorexie leiden, beschäftigen sich zwanghaft mit gesundem Essen. Man spricht deshalb auch von krankhaftem Gesundessen. Die Motivation „richtig“ zu essen wird dann zur obersten Priorität und das Selbstwertgefühl ist untrennbar mit dem Erfolg verbunden, die eigenen Regeln einzuhalten. Es kann sich auch hier ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen entwickeln, die sich nicht den eigenen Regeln entsprechend ernähren. Im schlimmsten Fall werden durch zu strikte Regeln wichtige Körpersignale zur Nahrungsaufnahme ignoriert. Neben der psychischen Gesundheit steht dann auch die körperliche Gesundheit auf dem Spiel. Auch die potentiell tödliche Krankheit Anorexia Nervosa (Magersucht) wird in Verbindung mit einer Ideologisierung des Essens gebracht.

Bauer Maier

Die 250 Rinder des Landwirts Hermann Maier sind ganzjährig auf der Weide anzutreffen. Kühe, Kälber und Bullen leben wie eine Wildrinderherde in einem natürlichen Herdenverband zusammen. Auch Bauer Maier und seine Tochter gehören dazu. Da sie sich täglich bei den Tieren aufhalten, müssen sie keine Angst vor dem Beschützerinstinkt der Bullen haben. Dieses Jahr gab es schon 60 Geburten in der Herde. Aus Gründen der Bestandsregulierung wird zweimal die Woche geschlachtet.

Bauer Maier hat sich viele Gedanken gemacht, um diesen Prozess so stressfrei wie möglich für die Herde zu gestalten. Er möchte nicht, dass seine Tiere verängstigt im Schlachthaus landen. Nach über 12 Jahren und mehreren Gerichtsverfahren darf er nun die zu schlachtenden Rinder aus nächster Nähe mit einem Gewehr betäuben. Dabei nimmt er sich viel Zeit und sagt: „Wenn ein Tier getötet werden muss, dann hat es auch ein Recht auf eine ordentliche Behandlung. Da darf der Faktor Zeit einfach keine Rolle spielen.“ Diese Einstellung hätte fast zur Zwangsversteigerung des Hofes geführt. Bevor Maier die entsprechende Genehmigung erhielt, vermehrte sich die Herde durch den selbst verordneten Schlachtstopp unkontrolliert immer weiter und das Futter wurde knapp. Nur durch Spenden konnte der Hof gehalten werden.

Bei der Betäubung des 2-jährigen Bullen Rasmus läuft Bauer Maier ruhig auf das liegende Tier zu und setzt aus nächster Nähe zum Schuss an. Ein Geräusch gibt es aufgrund des Schalldämpfers kaum. Rasmus fällt sofort zur Seite und ist bewusstlos. Die Herde bleibt ruhig. Auch in der freien Natur kommt es vor, dass hin und wieder Raubtiere ein Tier aus der Herde reißen.

Empathie und Mitgefühl

Vegane Ideologie verurteilt Menschen wie Bauer Maier vorschnell als Mörder, wenn Empathie und Mitgefühl verwechselt werden. Empathie lässt uns mit dem sterbenden Tier mitleiden. Auch Bauer Maier ist sichtlich bewegt, als er nach der ganzen Aktion ein Interview gibt. Wenn wir uns jedoch nur von Empathie leiten lassen, dann verlieren wir die Zusammenhänge aus den Augen.

Mitgefühl lässt uns die Situation in einem größeren Kontext sehen. Vielleicht inspiriert die Arbeit von Bauer Maier beispielsweise auch andere Landwirte, ihre Haltungs- und Schlachtbedingungen zu überdenken? Außerdem: Was tun mit den Tieren, die nun mal da sind? Hier in ihrem natürlichen Lebensraum. Einfach unkontrolliert weitervermehren lassen? Die Bullen kastrieren, damit sie sich nicht mehr fortpflanzen können? Oder Fressfeinde wieder einführen? Alle töten, damit man in Zukunft nicht mehr schlachten muss? Wie kann man Weideland zur Gewinnung von Nahrung nutzen, wenn nicht durch Tierhaltung? Die Weiden in Ackerflächen umbrechen und somit andere Lebensräume und Biodiversität zerstören? Laut Bundesumweltamt lebt die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Tier- und Pflanzenarten auf Grünland. Und ist Weideland nicht auch gut für die Umwelt, weil es CO2 bindet?

Professor Mike Archer von der UNSW Australia schreibt, dass pro 100kg verwendbarem Pflanzenprotein aus konventioneller Landwirtschaft 25 mal mehr fühlende Lebewesen bei der Bearbeitung von Ackerböden sterben, als für die vergleichbare Menge tierischen Proteins aus nachhaltiger Weidehaltung. Mäuse zum Beispiel, die beim Pflügen der Felder zerquetscht werden. Müssen wir dieses für uns „unsichtbare“ Leid nicht eigentlich auch berücksichtigen? Also doch weiterhin nachhaltig Schlachten und darauf achten, dass die Tiere dabei so wenig wie möglich unnötigem Stress ausgesetzt sind? Was haben die genannten Optionen für Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Natur in der betroffenen Region? Nicht nur global und verallgemeinert gesehen, sondern ganz konkret. Die Zusammenhänge sind mal wieder komplexer als ich es mir vorstellen kann.

Nichtwissen

Das Bewußtsein des Nichtwissens ist der Anfang des Zweifels, der zur Weisheit führt.
– Aus dem Zen-Buddhismus

Nichtwissen heißt nicht, dass wir nichts wissen oder uns kein Urteil bilden sollen. Aber indem wir an unserem Wissen und an unseren Glaubenssätzen nicht krampfhaft festhalten, erkennen wir, dass Situationen und Menschen einzigartig und komplex sind. Dogmatisches Denken kann uns unsere Unvoreingenommenheit rauben, ohne die wir nicht spontan und kreativ reagieren können. Während Ideologien in moralischen Fragen theoretisch und absolut denken, versucht eine achtsame und offene Geisteshaltung reale Situationen, Menschen und Zusammenhänge zu verstehen.

Nichtwissen ermöglicht uns tiefere Einsichten und den Zugang zu neuen Blickwinkeln. Ideologisches Denken verhindert dagegen aktiv, dass wir etwas Neues lernen. Ethisches Verhalten entsteht nicht durch eine ideologische Überzeugung, sondern ist vielmehr das Resultat einer praktischen Übung, in der wir immer wieder neu erforschen was „unnötiges Leid“ in verschiedenen Situationen und Zusammenhängen alles bedeuten kann. Vielleicht ist das Erkennen und Hinterfragen unserer festgefahrenen Glaubenssätze dabei eine der größten Herausforderungen.

Innere Arbeit

Ideologisches Denken kann unnötiges Leid für uns selbst und andere verursachen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die vegane Bewegung setzt sich für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Tieren und der Umwelt ein. Ironischerweise könnte dabei die eigene Ideologie ihr größter Feind sein.

Wenn wir anderen helfen möchten, dann sollten wir uns vor allem selbst besser kennenlernen. Unsere Fähigkeit mit anderen Lebewesen mitzuleiden ist eine grundlegende soziale Kompetenz des Menschen. Durch sie wird soziale Interaktion erst möglich. Auf biologischer Ebene wird sie durch die Spiegelneuronen in unserem Gehirn ermöglicht. Unkontrolliert kann diese Fähigkeit jedoch auch zum pathologischen Altruismus führen (auch als Helfersyndrom bekannt).

Wenn solidarische Hilfe pathologisch wird, dann vermengen sich unsere eigenen emotionalen Bedürfnisse mit den tatsächlichen Bedürfnissen von denjenigen, denen wir helfen möchten. Unsere Handlungen sind dann teilweise dadurch motiviert, dass wir uns selbst wieder besser fühlen möchten. Es entsteht eine emotionale Verzerrung in unserem Bewusstsein. Wenn Empathie nicht durch innere Ruhe und Gelassenheit ergänzt wird, dann bringen wir Empathie, Mitleid und Mitgefühl durcheinander. Als Resultat verstricken wir uns in unseren Emotionen und Ansichten. Wir sehen nur noch das, was wir sehen wollen und verlieren die komplexeren Zusammenhänge aus den Augen. Es ist fragwürdig, ob wir dann für andere eine große Hilfe sein können.

Insbesondere Menschen, die sich einen Großteil ihrer Zeit für andere einsetzen sind gefährdet, dass sich ihr hohes Maß an Empathie gegen sie selbst wendet.

Eine internationale Studie fand beispielsweise heraus, dass 20-60 Prozent der Krankenschwestern und Pfleger im Laufe ihrer Karriere an den Symptomen eines Burnout leiden. Auch Vegetarier und Veganer könnte man zu dieser Risikogruppe zählen. Eine Studie von italienischen Wissenschaftlern untersuchte, wie stark Menschen mit verschiedenen Ernährungsgewohnheiten auf Bilder von menschlichem und tierischem Leid reagieren. Das Ergebnis war eindeutig. Vegetarisch oder vegan lebende Versuchspersonen zeigten eine stärkere Reaktion in den mit Empathie in Verbindung gebrachten Hirnarealen. Wenn man sich bewusst macht, dass Vegetarier und Veganer sich höchstwahrscheinlich intensiv mit den grausamen Bedingungen in der Massentierhaltung beschäftigt haben, dann sollte das keine große Überraschung sein. So mancher Fleischesser könnte eine Portion vegane Empathie gut vertragen. Aus den genannten Gründen sollte Empathie jedoch nicht mit Mitgefühl verwechselt werden.

Ein achtsamer Umgang mit Emotionen und Gedanken kann uns dabei helfen, zu tieferen Einblicken in unser emotionales und mentales Innenleben zu gelangen. Wir können festgefahrene Motivationen, Erwartungen und Ziele in unserem Bewusstsein sichtbar machen und hinterfragen. Wer durch Meditation innere Ruhe und Gelassenheit kultiviert, kann die Unterschiede zwischen Empathie, Mitleid und Mitgefühl direkt kennenlernen. Im Bezug auf eine gesunde Ernährung kann Achtsamkeit auch dabei helfen, unsere somatische Intelligenz zu fördern. Wer seine Körpersignale wahrnimmt und beachtet, kann intelligentere Entscheidungen im Bezug auf seine Ernährung treffen und außerdem bewusster genießen.

Wer sich bewusst und ohne Dogma ernährt, kann übermäßigen Konsum von tierischen Erzeugnissen und die damit verbundene Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt genauso kritisch hinterfragen wie dogmatische Ernährungsideologien und deren Motivationen. Wir müssen uns nicht für eine Seite entscheiden.

Kartoffelsalat ohne Speck

Laut einer Studie wäre es in der Schweiz möglich, den Fleischbedarf von allen Einwohnern aus nachhaltiger Produktion zu decken, wenn alle Schweizer ihren wöchentlichen Fleischkonsum auf 500g halbieren würden. Die Schweiz müsste dann weder Fleisch noch umweltschädliches Tierfutter auf Sojabasis importieren. Was müsste passieren, damit dies in Deutschland möglich wäre? Wie können wir als Verbraucher dazu beitragen? Bei uns zu Hause gibt es den Kartoffelsalat jedenfalls weiterhin ohne Speck, solange wir noch keinen „Bauer Maier“ in der Nähe unseres Wohnorts gefunden haben.

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