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Kreativität und Stille

Kreativität ist der Entstehungsprozess neuer Ideen, die einen Wert haben.

– Sir Ken Robinson, aus dem Buch “Finding Your Element”

Wie entstehen neue Ideen?

Eine entscheidende Bedingung für die Entstehung von neuen Ideen ist das Erleben von Stille. Aus der Stille heraus erkennen wir neue Zusammenhänge und kreative Lösungsansätze. Dabei ist nicht zwangsweise die Abwesenheit von Geräuschen gemeint, denn wir können Stille sogar inmitten der geschäftigsten und lautesten Umgebungen finden. Die Stille von welcher ich spreche ist vielmehr die Fähigkeit unseres Geistes, unbeirrt von inneren und äußeren Turbulenzen ruhig zu bleiben und einfach nur zu beobachten.

Es ist nicht notwendig, dass Du aus dem Haus gehst. Bleib bei Deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich Dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor Dir winden.

– Franz Kafka

Doch wie gut sind wir eigentlich im still sitzen? Im Juli 2014 veröffentlichten die Universität von Virginia und die Harvard Universität mehrere Studien, um diese Frage etwas genauer zu beleuchten. Dabei wurden in verschiedenen Versuchsanordnungen Studierende zum still sitzen aufgefordert. In einem spärlich eingerichteten Universitätslaborraum sollten die Probanden auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes für bis zu 15 Minuten alleine sitzen und ohne äußere Ablenkungen ihren Gedanken nachgehen. In einer der Versuchsanordnungen konnten die Teilnehmer alternativ einen schwachen aber dennoch schmerzhaften Elektroschock an ihrem Handgelenk auslösen. 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen entschieden sich für die schmerzhafte Alternative des Elektroschocks, anstatt einfach nur still zu sitzen. Einer der Probanden verabreichte sich während der Versuchsdauer von 15 Minuten sagenhafte 190 Elektroschocks. Viele der Teilnehmer beschrieben die Erfahrung der Stille als etwas Unangenehmes. Um auszuschließen, dass diese Ergebnisse sich auf die Versuchsgruppe der Studierenden beschränkt, wurden Vergleichstests mit zufällig ausgewählten Personen in allen Altersgruppen gemacht – mit ähnlichen Ergebnissen.

Um diese Ergebnisse etwas genauer einordnen zu können, lohnt es sich den kreativen Entstehungsprozess einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Was passiert eigentlich, wenn wir kreativ sind? Wie entfaltet sich Kreativität? Prinzipiell durchläuft jeder kreative Prozess zwei Phasen. Im ersten Schritt, dem „divergenten Denken”, sammeln wir Ideen in einer unsystematischen und experimentierfreudigen Herangehensweise, ohne dabei strikte Regeln zu befolgen. Man könnte auch sagen, wir beschäftigen uns spielerisch und mit kindlicher Neugier mit einem Thema oder einem Problem. Im zweiten Schritt, dem „konvergenten Denken”, führen wir die entstandenen Ideen zu einem konkreten Resultat zusammen.

Charakteristisch für das Entstehen von neuen Ideen ist dabei vor allem das divergente Denken, denn in diesem Schritt durchbrechen wir bestehende Konzepte und Kategorien, um zu einer neuen, uns vorher noch nicht zur Verfügung stehenden Perspektive zu gelangen.

Kinder scheinen von Natur aus mit dieser Gabe ausgestattet zu sein. In der bekannten Langzeitstudie von George Land und Beth Jarman schlossen 98 Prozent der Kinder im Alter von 3-5 Jahren in der Kategorie „Kreatives Genie” ab. Im Abstand von jeweils 5 Jahren wurden die Tests wiederholt, wobei die Anzahl der kreativen Genies in der Altersgruppe von 13-15 Jahre auf nur 10 Prozent absank. In der Vergleichsgruppe, in der 200.000 Erwachsene getestet wurden, waren es nur noch 2 Prozent. Die Tests waren relativ einfach aufgebaut. Zum Beispiel sollten die Teilnehmer alternative Verwendungen für Alltagsgegenstände nennen. So könnte man einen Ziegelstein beispielsweise auch als Briefbeschwerer, Türstopper oder als Wurfgeschoss verwenden. Die Ergebnisse wurden nach Kriterien wie Spontanität und Ausgefallenheit der Ideen bewertet.

Jedes Kind ist gewissermaßen ein Genie; und jedes Genie ist gewissermaßen ein Kind.

– Arthur Schopenhauer

Was haben Kinder auf natürliche Art und Weise, was vielen Erwachsenen oft nur schwer zugänglich ist? Leichtigkeit und Freude. Was, wenn diese beiden Eigenschaften notwendige Bedingungen für Kreativität sind? Albert Einstein war bekannt dafür, sich seine kindliche Leichtigkeit und Neugier bis ins hohe Alter zu bewahren. Vielleicht ist er das beste Beispiel, um diese These und das Zitat von Schopenhauer zu unterstreichen. Einsteins bahnbrechende Erkenntnisse in der Physik entstanden in einem Akt spielerischer Erkundung von vereinfachten Denkbeispielen, die immer etwas mit seiner direkten Erfahrung als Mensch zu tun hatten.

Nun sind Kinder nicht gerade bekannt für ihre außerordentlichen Fähigkeiten im still sitzen. Wo ist also der Zusammenhang zwischen den beiden erwähnten Studien?

Wie schon erwähnt, könnte die Antwort auf diese Frage in unserer Definition von „Stille” zu finden sein. Oberflächlich betrachtet, verstehen wir Stille als die Abwesenheit von externen Geräuschen. Wir könnten Stille jedoch auch als die Fähigkeit unseres Geistes betrachten, zu beobachten, ohne sich von „externen” oder „internen” Geräuschen ablenken zu lassen. Um kreativ zu sein, benötigen wir einen gewissen mentalen Abstand zu unseren Gedanken. Oft identifizieren wir uns jedoch so stark mit entstehenden Gedanken und den damit einhergehenden Emotionen, dass dieser Abstand nicht gegeben ist. Am stärksten ist die Identifikation bei Gedanken, die mit unserem Selbstbild zusammenhängen – den Geschichten in unserem Kopf, die uns sagen wer wir sind und wie wir sein sollten. Je „erwachsener” wir werden, desto weniger denken wir pragmatisch, sondern eher in Kategorien und Schubladen. Obwohl jeder Leser die gleichen Sätze liest, so versteht doch jeder etwas anderes und interpretiert das Gelesene durch die eigenen Filter. Die Wände unserer mentalen Schubladen sind die Hindernisse, die wir beim kreativen Denken überwinden. „Thinking-Outside-The-Box” bedeutet Perspektiven zu finden, die unsere künstlich gesteckten Grenzen durchbrechen. Kinder scheinen hier im Vorteil zu sein, da deren Festhalten an Kategorien (noch) nicht so stark ausgeprägt ist.

Ein ausgeglichener Geist

Unsere Tendenz sich mit vielen unserer Gedanken zu identifizieren, erklärt zumindest zu einem gewissen Teil unsere Unfähigkeit still zu sitzen. Könnten wir Gedanken mehr wie Wolken am Himmel vorbeiziehen lassen, dann müssten wir nicht ständig impulsiv reagieren und unterlägen nicht dem Zwang andauernd beschäftigt zu sein. Allein der Gedanke an das „Nichtstun” scheint das Potenzial zu haben, entweder Langeweile oder ein schlechtes Gewissen auszulösen. Wir bemerken dabei meist nicht, dass wir uns durch diese mentale Pausenlosigkeit unbemerkt und unkontrolliert in die Unzufriedenheit hinein konditionieren. Die tief verwurzelte Illusion des ewigen wirtschaftlichen Wachstums treibt uns immer schneller voran – meist ohne Herz und Verstand. Die Entwicklung hin zur permanenten Verfügbarkeit digitaler Inhalte hat unsere Konditionierung, uns von dem abzulenken was tatsächlich in uns, und um uns herum abgeht, vermutlich zusätzlich verstärkt. So zieht es manch einer vor, sich selbst Elektroschocks zuzufügen, anstatt einfach nur still zu sitzen. Wer meditiert, kann aus eigener Erfahrung bestätigen wie schwer es sein kann, 15 Minuten still zu sitzen. Wer schon länger meditiert und die eigene Erfahrung etwas besser verstanden hat, kann jedoch auch aus eigener Erfahrung bestätigen, wie entspannend und anregend es sein kann, wenn wir die Stille genießen können. Es lohnt sich, den Selbstversuch zu machen und einmal ein paar Minuten nichts zu tun. Wie fühlt sich das an?

Pragmatisch gesehen gibt es eine Bedingung, die immer gegeben sein muss, damit wir kreativ sein können. Diese notwendige Bedingung für Kreativität ist ein ausgeglichener Geist. Ein ausgeglichener Geist befindet sich in einer Balance zwischen Ruhe und Aufmerksamkeit. Nur in diesem Zustand können wir unsere Ideen bei der Entstehung beobachten und diese dann bei klarem Verstand bewerten und zu konkreten Lösungsansätzen verarbeiten.

Haben wir zu wenig Aufmerksamkeit, dann sind wir ideenlos, antriebslos, desinteressiert und mutlos. Haben wir zu wenig Ruhe, verstricken wir uns willkürlich in unseren Gedanken, sind ungeduldig, rastlos und identifizieren uns impulsiv mit unseren (dann meist negativen) Emotionen.

Mit Achtsamkeit, also dem genauen Beobachten unserer eigenen Erfahrung, lässt sich ein ausgeglichener Geist kultivieren. Durch die dabei entstehende kreative Aufmerksamkeit lernen wir unsere Tendenzen, Potenziale und Grenzen besser kennen. Die gewonnenen Erkenntnisse geben uns wieder mehr Wahlfreiheit, um bewusste Entscheidungen zu treffen. Wir können uns bewusst machen, welche Form der Lebensgestaltung langfristig unsere Kreativität und Zufriedenheit fördert. Was wir dafür jedoch benötigen, ist vor allem mehr Langsamkeit und Stille.

Kreative Aufmerksamkeit ermöglicht uns Wahlfreiheit und eröffnet einen Raum, in dem eine Transformation stattfinden kann. Wir können uns befreien, indem wir uns fragen: „Möchte ich damit fortfahren mir immer wieder das gleiche Leid zuzufügen, oder kann ich versuchen mit einer neuen Herangehensweise zu experimentieren?”

– Martine Batchelor, aus dem Artikel „Creative Awareness”, frei übersetzt

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