Langeweile und Gefühlstönungen 2019-02-07
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Langeweile und Gefühlstönungen

Nichts ist von sich aus langweilig. Langeweile ist vielmehr die Abwesenheit von Aufmerksamkeit und Neugier.

Dabei rede ich nicht von Neugier, die uns schnelle Lösungen verspricht, die uns ohne Rücksicht auf Verluste nach angenehmen Gefühlen jagen lässt, sondern vielmehr von einer kindlichen und offenen Neugier, welche keine konkreten Ziele verfolgt. Das ist genau die Einstellung, die wir in der Meditation benötigen.

Langeweile kann uns als Meditationsobjekt helfen, um den Zustand unseres Geistes genauer zu erforschen. Als Vorbereitung auf diese Meditation ist es wichtig festzustellen, dass jede Erfahrung die wir machen von einer Gefühlstönung begleitet wird. Dieses im Körper wahrnehmbare Gefühl ist entweder unangenehm, neutral oder angenehm.

Wie fühlt sich der gegenwärtige Moment an? Vielleicht bist Du in Eile und hast kaum Zeit diesen Artikel zu lesen, dann sind Deine Gefühle vermutlich eher unangenehm (vielleicht sogar ohne dass Du es bis jetzt bemerkt hast). Vielleicht sitzt Du entspannt auf der Couch mit einer Tasse Tee in der Hand, dann fühlt es sich momentan vermutlich eher neutral oder angenehm an. Wie fühlt sich Deine Erfahrung in diesem Moment an? Um unsere gefühlsmäßige Stimmung wahrzunehmen, ist es nicht wichtig die auftretenden Gefühle detailliert zu beschreiben oder zu analysieren. Nimm einfach deren Qualität und Intensität wahr.

Das Phänomen der Langeweile macht eine interessante Tendenz unseres Geistes sichtbar: Wir tendieren dazu neutrale Gefühle einfach zu ignorieren. Diese sind jedoch entscheidend für ein tieferes Verständnis unserer direkten Erfahrung und somit auch für das Erleben von Freiheit.

Im Wartezimmer

Stell Dir vor Du sitzt in einem Wartezimmer. Du bist beim Arzt für einen Kontrollbesuch, hast also weder akute Schmerzen noch bist Du sonderlich in Eile. Außer Dir ist sonst niemand im Wartezimmer und gerade in dem Moment als Du Dein Handy aus der Hosentasche geholt hast, gibt der Akku seinen Geist auf. Vergeblich hältst Du Ausschau nach einem Magazin, mit dem Du Dir die Zeit vertreiben könntest. An diesem Punkt angelangt, haben sich vermutlich unbewusst schon eine ganze Menge unangenehme Gefühle eingestellt und als Du Dich auf den Stuhl setzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese in der Erfahrung der Langeweile ihren Ausdruck finden.

Theoretisch könntest Du jetzt einfach da sitzen und die Stille genießen, aber unser untrainierter Geist ist schnell gelangweilt ohne externe Reize. Was geht hier also vor sich?

Um die Stille zu genießen, müssen wir lernen auch die neutralen Gefühlstönungen wahrzunehmen. Es ist ok, dass im Moment nichts Aufregendes passiert. Tatsächlich ist es sogar so, dass sich unsere Gefühle unerwartet in Richtung angenehm verwandeln können, indem wir akzeptieren, dass es gerade nichts anderes zu tun gibt als zu sitzen und zu warten. Diese Entdeckung macht den Weg frei für eine weitere Erkenntnis über die Langeweile. Unangenehme Gefühlstönungen entstehen durch unsere Unfähigkeit die gegenwärtige Situation voll annehmen zu können. Wir wehren uns gegen die Realität wie sie für uns gerade ist und erzeugen somit unnötiges Leid.

Auf den ersten Blick erscheint diese Erkenntnis vielleicht offensichtlich und trivial, das Anhaften an Vorstellungen die nicht der Realität entsprechen sind jedoch immer der Ursprung unseres emotionalen und mentalen Leidens. Jede Form der Unzufriedenheit kann darauf zurückgeführt werden. Diese Weisheit können wir in jeder Situation überprüfen, in der wir uns aus irgendeinem Grund unwohl fühlen. Im Umkehrschluss lässt sie sich sogar in glücklichen Momenten bestätigen, da wir in diesen Momenten unserer Erfahrung keinen Widerstand entgegensetzen und somit die Gegenwart voll annehmen können.

Eine wichtige Erkenntnis aus dieser Meditation ist die Feststellung, dass es eigentlich nie die äußeren Umstände sind, welche für unsere Unzufriedenheit verantwortlich sind, sondern immer unsere Reaktionen auf diese. Um dies zu sehen, müssen wir jedoch genau hinschauen und auf unsere Gefühle, Emotionen und Gedanken achten. Wir müssen wie ein Kind neugierig und offen gegenüber unserer Erfahrung und den Bewegungen in unserem Geist sein. Diese Art der achtsamen Aufmerksamkeit eröffnet tiefere Einsichten in die Natur unserer Erfahrung. Achtsamkeit durchlöchert die Illusion unseres selbst-zentrierten Denkens und ermöglicht das Erleben von Freiheit.

Anregungen zur Meditation

1. Du kannst diese Meditation praktisch überall und jederzeit machen - wann auch immer Du Dich gelangweilt fühlst.

2. Lenke Deine Aufmerksamkeit auf die entstandenen Gefühlstönungen: Normalerweise sind diese unangenehm, wenn wir Langeweile empfinden.

3. Wie genau fühlt sich die Langeweile im Körper an? Welche Art von Empfindungen nimmst Du wahr und an welchen Stellen im Körper machen sie sich bemerkbar? Es ist nicht notwendig diese Empfindungen zu beschreiben, nimm sie einfach nur wahr.

4. Beobachte wie die Intensität der unangenehmen Gefühle mit der Intensität Deiner Langeweile zusammenhängt (bzw. wie sehr Du Dich danach sehnst die gegenwärtige Situation zu verändern, anstatt sie anzunehmen so wie sie gerade ist).

5. Welche Gedanken, Geschichten und Emotionen sind in Deinem Geist mit den empfundenen Gefühlen verbunden? Erkennst Du Verhaltensmuster, welche Du auch in anderen Situationen erfährst?

6. Bemerke wie das Bewusstsein dieser Prozesse die Qualität der Erfahrung verändert (oder auch nicht verändert).

7. Nimm den Moment der Entspannung wahr, wenn Dein Geist den Widerstand loslässt und sich die Langeweile auflöst. Bemerke wie sich dadurch die Gefühlstönungen in Richtung neutral oder vielleicht sogar angenehm verändern.
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