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Leben ohne Smartphone? Ein Selbstversuch

Die letzten 24 Stunden verbrachte ich bei verschiedenen Fastnachtsveranstaltungen. In das Treiben, welches man bei mir zu Hause Fasching nennt, war ich bisher nie involviert. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an nicht viel mehr außer Alkohol und wilde Gesänge. Von Geschichte, Hintergrund und Sinn des Ganzen habe ich keine Ahnung. Hier in Basel nun, brannte sich ein kleines Stück dessen, was Fastnacht bedeutet in meinen Verstand. Brennen ist dabei durchaus wörtlich gemeint. Es begann nämlich am gestrigen Abend in Liestal, zwei Bahnstationen Richtung Zürich, in einem Flammenmeer.

Männer trugen bis zu 100 Kilo schwere Bündel brennenden Kiefernholzes durch die Straßen. Auch hoch beladene eiserne Wagen, die lodernde Flammensäulen in den Himmel stießen und deren Hitze alle Umstehenden zurückdrängte, wurden vorbei geschoben. Es war ein wahres Höllenspektakel, das mich zuerst erschreckte, später aber mit einer Art Faszination erfüllte. Am Nachthimmel trieben Myriaden glimmernder Holzfunken und der Qualm der Feuer durchzog die Stadt. Tausende waren gekommen, sich dieses Spektakel anzusehen.

Nach kurzem Schlaf ging es drei Uhr morgens wieder los. Morgenstraich heißt der Umzug, zu dem sich Zehntausende treffen. Die Basler Innenstadt ist vollgepackt mit Menschen. Punkt vier Uhr gehen sämtliche Lichter aus und Pfeifer und Trommler erfüllen die Nacht mit dem blechernen Klang der Guggenmusik. Die Fastnachtscliquen ziehen mit Kostümen und ihren riesigen Larven ohne sichtbare Ordnung in allen Richtungen durch die Straßen. Sie tragen unzählige, bis zu vier Metern große Laternen mit sich. Diese sind kunterbunt bemalt und greifen mit ihren Sujets genannten Bildern aktuelle Themen auf.

Bis ich dies begriff, dauerte es jedoch eine Weile. Es ist alles auf Schwyzerdütsch geschrieben, und obwohl ich mich seit über einem halben Jahr im Verstehen dieses fremdsprachenähnlichen Dialekts übe, fällt es mir immer noch nicht leicht. Die Themen reichten von Lokal- über Landes- bis hin zur Europapolitik der EU.

Das mit Abstand am Meisten aufgegriffene Thema war jedoch die Veränderung der Welt. Gerade das fast archaisch anmutende Umfeld aus laternenerhellter Nacht und dröhnenden Trommeln in mittelalterlichen Gassen steht in krassem Gegensatz zum fast mutationsartigen Wandel unserer Lebensgewohnheiten.

Überraschte es mich, dass so viel kritisches zum Thema Internet zu lesen war? Um ehrlich zu sein, nein. Ich ertappe mich ja selbst fortlaufend dabei, das iPhone in der Hand zu halten. Und ja, es ändert das Leben der meisten Menschen. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Wir haben es, wir nutzen es und allein dadurch generieren wir Datenverkehr, Arbeit und schlussendlich Umsatz. Ich musste mir das Teil nicht einmal kaufen, sondern bekam es von meinem Arbeitgeber in die Hand gedrückt. Zuerst freute ich mich natürlich. Nach und nach verstehe ich jedoch den wahren Grund, warum mir dieses Gerät und dazu noch ein iPad neuster Generation zur Verfügung gestellt wurde. Allein weil ich es habe, arbeite ich. Auch abends um zehn oder morgens um sieben. Was dabei fehlt, ist der Abstand vom Business. Mehr und mehr durchzieht es damit unser Leben, unsere Gedanken und formt unser Handeln.

Minimal jedenfalls geht anders. Es will zwar nicht, dass man weniger leistet. Aber es will, dass das was geleistet wird, auf möglichst effiziente Weise geschieht. Und um effizient sein zu können, muss man fokussiert sein. Nur wenn es Arbeitszeit gibt, während der 100% gegeben werden, kann es auch Freizeit geben, die 100% bekommt. Das Smartphone aber vermischt beides. Wo bleibt dabei die Regeneration, das Abschalten? Ich glaube die Meisten von euch stimmen mir bei diesen Überlegungen zu. Und was ist die Konsequenz?

Glaubt es oder glaubt es nicht, für mich kann es nur eine Schlussfolgerung geben. Und die lautet: Ich will kein Smartphone mehr!

Wegen der brennenden Fackeln, der Musik, der Laternen und der kostümierten Menschen fühlte ich mich in den Gassen und Gässchen wie in einer anderen Zeit. Fast wie im Mittelalter. Trotzdem flammten ununterbrochen Handyblitze und LED-Lampen beleuchteten die Szene für Videoaufnahmen. Viele der Aufnehmer waren so mit ihrem Tun beschäftigt, dass sie von dem, worum es ging, kaum etwas mitbekamen. Facebook und den dortigen Freunden aktuelle News zu liefern, war wichtiger, als den Sinn der Sujets auf den Laternen zu erfassen. Lustigerweise zeigten viele der Bilder genau diese Situation.

Also liebe Leute, ich bin dann mal raus. Viel Spaß weiterhin mit euren Smartphones. Meins liegt ausgeschaltet im Schubfach und wird erst morgen zur Arbeit wieder angeschaltet. Ich probier es jedenfalls. Und ich werde euch berichten. Freu mich drauf!

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