Selbstliebe

Von der (Selbst)Liebe

Von der (Selbst)Liebe

Zurzeit wohne ich in Buenos Aires zusammen mit Teresa. Sie ist die Besitzerin der Wohnung und 67 Jahre alt, wirkt jedoch wesentlich jünger. Jeden Tag kümmert sie sich liebevoll um ihre zwei Jahre alte Nichte, geht abends zum Tango und hat immer irgendwen zu Besuch. Sie umsorgt jeden fürsorglich, ist immer total ausgeglichen und wirkt sehr glücklich. Neulich hat sie mir davon erzählt, wie sie sich damals von ihrem Mann getrennt hat. „Das war der Moment, wo ich mich mit dem Leben vermählt habe“, hat sie mir ganz stolz gesagt. Diesen Satz finde ich einfach unglaublich schön und er schwirrt mir seitdem im Kopf herum. „Sich mit dem Leben vermählen…“ Das heißt auch, sich mit sich selber zu vermählen. Sich und sein Leben so sehr lieben, dass man auch ohne Partner zurechtkommt und glücklich ist.

Zweisamkeit, oder ganz allgemein in Gesellschaft zu sein, ist schön und wichtig für unsere Entwicklung, gar keine Frage.

Ich genieße es unheimlich mich anderen mitzuteilen, mich zu öffnen, auszutauschen, auch einfach mal zuzuhören und dabei etwas Neues lernen zu können. Gemeinsam zu lachen und auch manchmal gemeinsam zu weinen. Ich liebe es ganz feste in den Arm genommen zu werden oder wenn mir jemand freundschaftlich zuzwinkert. Ich liebe es mich in toller Gesellschaft zu befinden, ganz eindeutig.

Aber bedeutet alleine sein zwangsläufig auch einsam zu sein?

Wenn ich davon erzähle, dass ich seit über vier Jahren Single bin und dabei auch noch glücklich, dann können es viele gar nicht glauben. Ich wurde schon gefragt, ob ich schlechte Erfahrungen gemacht habe und mich deshalb jetzt von Männern fernhalte. Nein, ganz im Gegenteil. Mein letzter Freund zählt heute zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich könnte niemals irgendwelche negativen Gefühle gegen ihn hegen. Die Beziehung hat am Ende nicht mehr funktioniert, weil ich mit meinem Leben zu dem Zeitpunkt einfach nicht glücklich war.

Ich musste erst mein eigenes Leben ordnen, lernen im Jetzt zu leben und die Vergangenheit hinter mir zu lassen. In den darauffolgenden Jahren habe ich mich erst richtig kennen und lieben gelernt. Ich habe viele neue Seiten an mir entdeckt, die ich so vorher noch gar nicht kannte. Irgendwann konnte ich die Maske, die ich mir durch bestimmte Erlebnisse und Konditionierungen zugelegt hatte, einfach fallen lassen und habe mich zum ersten Mal selber so wahrgenommen wie ich wirklich bin. Ich habe gelernt mich zu öffnen und über Sachen zu sprechen, die mir früher unangenehm gewesen wären. Und ich habe verstanden, dass es wichtig ist zu vergeben und anschließend auch zu vergessen. Nicht in der Vergangenheit zu leben und sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen, sondern den gegenwärtigen Augenblick vollständig aufzusaugen und zu genießen.

Inzwischen liebe ich mich und mein Leben mit allem was dazu gehört und genau das macht mich so glücklich. Ich liebe die Höhen und auch die Tiefen, denn die sind es, die mich stärker machen. Ich liebe es, dass das Leben voller Überraschungen steckt und so wunderbar unvorhersehbar ist. Ich liebe es, dass die ganze Welt voller kleiner und großer Wunder steckt und es immer noch etwas Neues zu entdecken gibt. Es wird einfach nie langweilig und das finde ich großartig!

Und alleine oder einsam fühle ich mich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, ich genieße es sehr auch mal mit mir alleine zu sein. Wenn ich alleine auf Reisen gehe, dann gibt mir das ein ganz besonderes Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Alleine im Restaurant oder einer Bar zu sitzen fand ich früher unangenehm, heute stört es mich überhaupt nicht mehr und ich habe festgestellt, dass man teilweise sogar noch leichter mit fremden Leuten ins Gespräch kommt, wenn man alleine unterwegs ist.

Auch habe ich viele Freunde an allen möglichen Orten auf der Welt verteilt und ich weiß, dass egal wo ich hingehe es immer Leute gibt, die mich mit offenen Armen in Empfang nehmen und für mich da sein werden, wenn ich sie brauche. Klar ist eine Partnerschaft noch einmal eine andere Art von Beziehung zu einem Menschen und ich glaube auch, dass sie unheimlich wichtig für die persönliche Entwicklung ist. Aber ich habe Vertrauen und weiß, dass ein Partner in mein Leben treten wird, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Den Fehler den meiner Meinung nach viele begehen ist, dass sie auf der Suche nach einem Partner sind, damit eben dieser sie endlich glücklich und ihr Leben vollkommen macht. Ich denke, dass genau dies auch der Grund ist warum heutzutage so viele Beziehungen scheitern. Denn wenn du mit solchen Erwartungen in eine Beziehung gehst und diese dann nicht erfüllt werden, bist du nachher noch unglücklicher als vorher und machst im schlimmsten Fall auch noch deinen Partner dafür verantwortlich. Niemand wird dich jemals glücklich machen, wenn du es nicht selbst schon bist. Und wer nicht gelernt hat sich selber zu lieben, der kann auch anderen keine Liebe geben.

Partner sollten sich nicht gegenseitig ergänzen, vielmehr gefällt mir die Vorstellung, dass sich zwei bereits komplette Personen zusammenschließen und gegenseitig das Beste im Anderen zum Vorschein bringen.

Dazu gibt es ein sehr schönes Gedicht von Khalil Gibran, was ich zum Abschluss noch gerne mit euch teilen möchte:

Liebet einander,
doch macht die Liebe nicht zur Fessel:
Schaffet eher daraus ein webendes Meer
zwischen den Ufern eurer Seelen.
Füllet einander den Kelch,
doch trinket nicht aus einem Kelche.
Gebt einander von eurem Brote,
doch esset nicht vom gleichen Laibe.
Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich,
doch lasset jeden von euch allein sein.
Gleich wie die Saiten einer Laute allein sind,
erbeben sie auch von derselben Musik.
Gebet einander eure Herzen,
doch nicht in des andern Verwahr.
Denn nur die Hand des Lebens
vermag eure Herzen zu fassen.
Und stehet beieinander,
doch nicht zu nahe beieinander:
Denn die Säulen des Tempels stehen einzeln,
und Eichbaum und Zypresse
wachsen nicht im gegenseitigen Schatten.

– Khalil Gibran

Searching for myself, I ended up in China in 2010. Living there for almost four years completely changed my life for the better. My recent education as a Yoga instructor strengthened my feeling that I’m on the right path and I’m excited to share some episodes of my inner life with you.

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