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Was ist Achtsamkeit? Teil 1: Eine kritische Betrachtung

Der Hype um die Achtsamkeit

Die Anzahl der Suchanfragen bei Google für den Begriff Mindfulness stieg seit dem Jahr 2007 ca. um das Fünffache an. Für den deutschen Begriff Achtsamkeit ist ein ähnlicher Trend zu erkennen. Im englischsprachigen Raum, vor allem in den USA, wird das Thema mittlerweile sehr vielschichtig und kontrovers diskutiert. Bestätigt durch eine ebenfalls steigende Anzahl von Studien, welche die Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen belegen, gibt es längst einen Hype um die Achtsamkeit. Wie bei jedem Hype entstehen viele Unsicherheiten und Missverständnisse über die Frage, um was es im Kern eigentlich geht. Während die positiven Effekte von Achtsamkeitsübungen im klinischen Umfeld schon seit Ende der 70er Jahre regelmäßig bestätigt werden (anfänglich vor allem durch das Center for Mindfulness an der Universität von Massachusetts), so wurden in den letzten Jahren auch immer mehr Firmen auf die Thematik aufmerksam.

Google schuf beispielsweise ein eigenes Achtsamkeitsprogramm namens Search inside Yourself für seine Mitarbeiter und Führungskräfte, welches ebenso erfolgreich wie umstritten ist. Erfolgreich deshalb, da es den Mitarbeitern mehr Raum und Ruhe für kreatives Arbeiten gibt; umstritten u. a. aufgrund der Monopolstellung von Google in einem Wirtschaftssystem, welches weltweit zu einer immer größer werdenden sozialen Ungerechtigkeit beiträgt.

Jedes Jahr versammeln sich auf der Wisdom 2.0 Konferenz in San Francisco Mitarbeiter von Technologiekonzernen wie Facebook, Google oder Microsoft, um sich darüber auszutauschen, welche Rolle Achtsamkeit und Meditation in unserer technologisierten Welt spielen. 2014 kam es dabei zu einem Protest während einem der Vorträge, bei welchem mehrere Aktivisten gegen die durch die Technologieriesen verursachte Immobilienpreissteigerung in San Francisco protestierten. Während immer mehr solvente Mitarbeiter der Großunternehmen in der Stadt wohnen, können sich Normalverdiener die steigenden Mietpreise nicht mehr leisten und müssen ihre Wohnungen aufgeben.

In einem anderen Szenario versuchte die U.S. Armee durch Studien herauszufinden, inwiefern Soldaten durch die Anwendung von Achtsamkeitsübungen besser mit dem Stress im Kriegseinsatz klarkommen würden. Die Ambivalenz mancher moderner Achtsamkeitsprogramme im gesellschaftlichen Kontext wird umso deutlicher, wenn man die Verbindung zu deren Ursprung in der buddhistischen Lehre sieht.

Für Siddhartha Gautama, den historischen Buddha, war die Praxis der Achtsamkeit ein integraler Bestandteil eines ganzheitlichen Lebensweges. Dieser Weg war sowohl untrennbar verknüpft mit der Praxis der Gewaltfreiheit, als auch mit dem Kultivieren von Weisheit und uneingeschränktem Mitgefühl. Manchmal vergessen wir, dass Achtsamkeit untrennbar mit ethischem Verhalten verbunden ist.

In Deutschland sind achtsamkeitsbasierte Praktiken in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt. Meditation wird immer noch gelegentlich mit Esoterik oder verträumten New-Age-Fantasien in Verbindung gebracht. Es macht jedoch den Anschein als ob immer mehr Menschen darauf aufmerksam werden, dass sich hinter den eigenen Vorurteilen vielleicht doch noch mehr verbirgt.

Immer bekannter wird z. B. das von Jon Kabat-Zinn Ende der 70er Jahre ins Leben gerufene MBSR-Programm (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, englisch: Mindfulness Based Stress Reduction). In einem 8-wöchigen lebensbegleitenden Kurs lernen die Teilnehmer Achtsamkeits- und Meditationstechniken, um wieder bewusster und freier zu leben. Die Kurse werden mittlerweile von den gesetzlichen Krankenkassen als gesundheitliche Präventionsmaßnahme anerkannt und bezuschusst. Angesichts der dramatisch ansteigenden Zahlen von psychischen und stressbedingten Erkrankungen, ist es keine große Überraschung, dass wir die ersten Anzeichen des Hypes um die Achtsamkeit auch in Deutschland wahrnehmen. Umso wichtiger ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, um was es im Kern eigentlich geht – damit aus der Anwendung der Achtsamkeit mehr als nur ein Hype werden kann und somit die Gesellschaft als Ganzes profitiert.

Fast jede zweite neue Frührente ist inzwischen psychisch verursacht (42 Prozent). Dabei haben seit 2001 vor allem Depressionen (plus 96 Prozent), Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (plus 74 Prozent) sowie Suchterkrankungen (plus 49 Prozent) als Grund zugenommen. Psychische Erkrankungen sind seit mehr als zehn Jahren die Hauptursache für gesundheitsbedingte Frührenten – mit großem Abstand vor körperlichen Erkrankungen.

– Aus einer BPtK-Studie

Zurück zum Ursprung

Um Achtsamkeit als ganzheitliche Praxis besser einordnen zu können, muss man gedanklich ca. 2.500 Jahre in die Vergangenheit reisen, denn viele der heute angewandten Achtsamkeitsübungen gehen auf den indischen Prinzen Siddhartha Gautama, den historischen Buddha, zurück. Das Wort Buddha ist kein Name, sondern ein Titel und bedeutet übersetzt „Der Erwachte”. In ihrer ursprünglichen Form sind seine detaillierten Anweisungen zur Achtsamkeit im Pali Kanon (eine der frühesten schriftlichen Aufzeichnungen der buddhistischen Lehre), genauer gesagt im Satipatthana Sutta, zu finden.

Während sich andere spirituelle Lehrer heute wie damals an Glaubenskonstrukte bezüglich der Natur des Universums oder der Beschaffenheit des Jenseits klammern, schlug Buddha einen Mittelweg vor. Er erkannte, dass unsere Tendenz voreilige Schlüsse zu ziehen und diese dann als „Wahrheit” zu empfinden, der eigentliche psychologische Ursprung unserer Probleme ist. Er lehrte schon damals einen sehr wissenschaftlichen Ansatz, bei dem es neben den beiden Optionen „glaub ich!” und „glaub ich nicht!”auch noch die bescheidene Option „weiß ich nicht” gibt. Um durch Achtsamkeit zu tieferen Einsichten in die eigene Erfahrung zu gelangen, ist Ehrlichkeit daher ein entscheidender Faktor.

Verlasst euch nicht auf mündliche Überlieferung, auf Tradition, auf Hörensagen, auf Sammlungen von Schriften, auf logische oder schlussfolgernde Argumentation, auf Reflektion von Gründen, auf das Akzeptieren einer Sichtweise nach längerem Nachdenken, auf die Redegewandtheit eines Sprechers, …

Aber wenn ihr für euch selbst erkannt habt, „diese Dinge sind nicht hilfreich; diese Dinge werden von einem weisen Menschen verachtet, diese Dinge führen in der Anwendung zu Unheil und Leiden”, dann solltet ihr sie sein lassen…Aber wenn ihr für euch selbst erkannt habt, „diese Dinge sind heilsam, diese Dinge sind bedenkenlos, diese Dinge werden von einem weisen Menschen geachtet, diese Dinge führen in der Anwendung zu Wohlbefinden und Glück”, dann solltet ihr sie auch anwenden.

– Aus einer Lehrrede des Buddha vor dem Volk der Kalamas, frei übersetzt

Viele Menschen verbinden die ursprünglichen Lehren Buddhas jedoch noch immer mit einer glaubensbasierten Religion, welche unter dem Namen „Buddhismus” abgespeichert ist. Wer beispielsweise in China einen der bekannteren buddhistischen Tempel besucht (wie z. B. den Yonghe-Tempel in Peking), kann dies in einem surreal anmutenden Szenario aus nächster Nähe beobachten. Mit Gucci-Handtasche und Räucherstäbchen ausgestattet, huldigt man hier an einem Sonntag den vielen Gottheiten, die es in manchen Traditionen im Buddhismus gibt. Dass wir Buddhismus manchmal fast schon automatisch mit Begriffen wie Wiedergeburt und Karma in Verbindung bringen, liegt vermutlich auch daran, dass buddhistisches Gedankengut zu einem großen Teil über die Tradition des tibetischen Buddhismus in die Mitte der westlichen Gesellschaft gefunden hat. Mit dem Dalai Lama als ihren prominentesten Vertreter, hat diese Tradition genaue Vorstellungen was mit dem Bewusstsein nach dem Tod passiert.

In Deutschland werden die Glaubenskonstrukte des tibetischen Buddhismus bezüglich Wiedergeburt und Karma u. a. auf der Website buddhismus.de oder in den (auf mich) melancholisch wirkenden Interpretationen von Alfred Weil als Kernelemente der Lehre Buddhas dargestellt. (Alfred Weil war Vorsitzender der Deutschen Buddhistischen Union von 1993 bis 2001)

Wer die Achtsamkeit jedoch auch auf die eigenen Glaubensvorstellungen lenkt, kommt irgendwann nicht mehr an der Einsicht vorbei, dass jeder glaubensbasierte Ansatz die lebensbejahende und befreiende Botschaft Buddhas auf den Kopf stellt.

Diese Interpretation, dass Buddhismus im Kern nichts mit Glauben zu tun hat, ist jedoch vor allem für religiöse Buddhisten immer noch eine unorthodoxe und unangenehme Sichtweise. Sie wird z. B. im säkularen Buddhismus von Stephen Batchelor zum Ausdruck gebracht und hat in buddhistischen Kreisen eine tiefgehende Debatte darüber ausgelöst, was die Kernelemente der Lehre Buddhas eigentlich genau sind.

Über den vielleicht wichtigsten Aspekt im Buddhismus gibt es jedoch (nach meinem Kenntnisstand) eine breite Übereinstimmung in den verschiedenen Traditionen: Das erklärte Ziel des von Siddhartha Gautama vorgeschlagenen Mittelwegs ist das Aufwachen und die damit verbundene Befreiung von emotionalem und mentalem Leid. Auf diesem Weg steht das achtsame und interessierte Erforschen der eigenen Erfahrung im Vordergrund, ohne dabei voreilige Schlüsse über metaphysische Konzepte zu ziehen. Die für diese Erforschung notwendige Ehrlichkeit und Bescheidenheit brachte der Philosoph Ludwig Wittgenstein auf den Punkt:

Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

– Ludwig Wittgenstein, aus Tractatus Logico-Philosophicus

Was genau ist mit „Aufwachen” eigentlich gemeint?

Laut einer Studie der Psychologen Matthew A. Killingsworth and Daniel T. Gilbert der Harvard Universität verbringen wir im Durchschnitt ca. 50 Prozent unserer „wachen” Zeit in Gedanken. In dieser Zeit sind wir jedoch nicht wirklich wach, denn wir bemerken gar nicht, dass wir in Gedanken versunken sind – es geschieht also unbewusst. Ein entscheidendes Merkmal dieses „Wachkomas” ist die Tatsache, dass wir in diesem Zustand meist unglücklich sind. Zwar mögen wir manchmal einen angenehmen Tagtraum erleben, die meisten Menschen verbringen diese Zeit jedoch eher mit unangenehmen Gedanken. Wir wälzen traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit, in der Hoffnung diese ungeschehen zu machen. Oder wir planen unfreiwilligerweise zum hundertsten Mal den Ablauf des morgigen Vortrags in der Firma. Wirklich wach sind wir dabei nie, denn sonst könnten wir diese Prozesse bewusst beeinflussen.

Achtsamkeit ist das interessierte Erforschen unserer direkten Erfahrung als Mensch. Wie ein Kind erforscht die Achtsamkeit spielerisch die ablaufenden Prozesse im Bewusstsein. Was auch immer sie findet, akzeptiert sie mit Wohlwollen und nie mit Gewalt oder Ablehnung. Als Resultat dieses Erforschens werden wir wacher und verbringen weniger Zeit verloren in Gedanken.

Aufwachen bedeutet, sich nicht mehr mit allen auftretenden Gedanken, Gefühlen und Emotionen identifizieren zu müssen, sondern sie als unpersönliche Prozesse in unserem Bewusstsein zu erkennen. Daraus entsteht die eigentliche Freiheit der Achtsamkeitspraxis.

Achtsamkeit ist weder eine bestimmte Technik, noch ist sie „besonderen” Menschen vorbehalten (wie z. B. buddhistischen Meistern oder Gurus). Jeder, der einen gewissen Grad an geistiger Gesundheit mitbringt kann selbstständig Achtsamkeit praktizieren. Achtsamkeit ist ein grundlegender Bestandteil des Menschseins, allerdings scheint es unvermeidbar diese Fähigkeit zu verlernen, wenn wir in einer achtlosen Gesellschaft aufwachsen. Warum? Vielleicht weil wir aufhören unsere Umwelt direkt mit all unseren Sinnen wahrzunehmen, und anstatt dessen immer mehr in einschränkenden Konzepten denken. Diese verwechseln wir dann immer mehr mit der Realität, ohne dass wir uns dessen bewusst sind – bis diese unbewussten Verhaltensmuster irgendwann maßgeblich den Verlauf unseres Lebens bestimmen. Der weltlich orientierte Buddhist Stephen Batchelor bezeichnet dieses Phänomen in seinem Essay „The Freedom to be No One” als eine Art existentielle Verwirrung.

Einfacher ausgedrückt könnte man vielleicht auch sagen: Wenn wir erwachsen werden, vergessen wir auf unser Herz zu hören.

Achtsamkeit ist Freiheit

Durch das genaue Beobachten der Prozesse in unserem Bewusstsein wird auch das Ziel der Achtsamkeit immer deutlicher: Freiheit. Zum Beispiel die Freiheit bewusst entscheiden zu können, welchen Gedanken wir nachgehen und welche wir vorüberziehen lassen; oder die Freiheit schmerzhafte Emotionen loslassen zu können; oder wie in meinem Fall, die Freiheit die eigenen Ängste zu überwinden und eine andere Richtung auf dem Lebensweg einzuschlagen, auch wenn die meisten Menschen im persönlichen Umfeld einen für verrückt erklären.

Achtsamkeit gibt uns die Freiheit die gesamte Bandbreite des Lebens wieder mit mehr Leichtigkeit annehmen zu können – wie damals als wir noch Kind waren, nur diesmal in vollem Bewusstsein.

Diese Freiheit können wir jedoch nicht erzwingen, sondern nur kultivieren, denn sie steht einer manchmal jahrzehntelangen Konditionierung auf gewisse unbewusste Verhaltensmuster entgegen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als genau da anzufangen wo wir gerade sind. Akzeptanz für das was ist, ist daher ein weiterer wichtiger Aspekt der Achtsamkeit. Die gute Nachricht ist, dass immer mehr wissenschaftliche Studien die erstaunliche Neuroplastizität unseres Gehirns und somit die reale Möglichkeit eines bewussten Neuanfangs belegen. Durch das Kultivieren von Achtsamkeit gelangen wir Schritt für Schritt zu einem tieferen Verständnis unserer Erfahrung und schließlich zu der Erkenntnis, dass der zentrale Monolith in unserem Sein, das EGO, in Wirklichkeit eine geschickte optische Täuschung unseres Bewusstseins ist.

Achtsamkeit gibt uns keine fixen Antworten, wie wir in einer Situation reagieren sollten; sie bietet uns vielmehr eine Basis des intuitiven Verstehens, welche uns ermöglicht unsere eigenen intelligenten Entscheidungen zu treffen, basierend auf den uns zugänglichen Informationen.

– Ed Halliwell, aus dem Buch The Mindful Manifesto, frei übersetzt

Zu Beginn ist die Praxis der Achtsamkeit oft mühselig und unklar. Oder anders ausgedrückt: Es wird erst mal schlimmer, bevor es besser wird. Das liegt in der Regel nicht daran, dass wir etwas falsch machen. Viel wahrscheinlicher liegt es an der Tatsache, dass uns durch Achtsamkeit viele Prozesse bewusst werden, die zuvor als gewohnheitsmäßige Automatismen unbemerkt blieben. Vielleicht haben wir die Wut auf unseren unbeliebten Chef immer mit einem falschen Lächeln überspielt. Durch Achtsamkeit geben wir der Wut erstmals einen Raum und lassen die unangenehme Emotion zu, anstatt sie zu unterdrücken.

Im Laufe der Zeit bringen wir die Achtsamkeit in immer mehr Bereiche unseres Lebens. Unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Ernährung usw. … Es wird dann immer deutlicher, warum Buddha Achtsamkeit nicht als eigenständiges Konzept gelehrt hat, sondern als integralen Bestandteil eines ganzheitlichen Lebensweges.

Genau wie wir den Prozessen in unserem Bewusstsein gewaltlos gegenübertreten, so überträgt sich diese Einstellung auf natürliche Art und Weise auch auf die zwischenmenschliche Ebene. Einen wütenden Menschen sehen wir dann nicht mehr als eine Bedrohung für unser Ego, sondern verstehen diesen auf einer tieferen Ebene. Auf diesem Verständnis aufbauend, können wir immer öfter bewusst mit Weisheit und Mitgefühl reagieren, anstatt aus impulsiven Emotionen und unbewussten Geistesgewohnheiten heraus.

Um sich in Achtsamkeit üben zu können, ist es hilfreich die einzelnen Komponenten unseres Bewusstseins und deren Wechselwirkungen genauer zu erforschen. In den kommenden Teilen dieses Artikels werde ich die vier Übungsfelder der Achtsamkeit genauer erklären und praktische Anleitungen dazu anbieten. Diese vier Felder sind:

1. Körper
2. Gefühle
3. Geistesgewohnheiten
4. Das Leben

Buchempfehlung zum Thema Achtsamkeit: Mindfulness - How to Live Well by Paying Attention (leider nur auf Englisch)

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