Was ist Achtsamkeit? Teil 3: Gefühle 2019-02-07
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Achtsamkeit
Was ist Achtsamkeit? Teil 3: Gefühle

Intuitive Intelligenz

Die körperliche Wahrnehmung eines Gefühls ist in vielen Situationen die direkteste Art und Weise unseres Organismus auf eine Situation zu reagieren. Wenn wir auf unsere Gefühle hören, dann entscheiden wir intuitiv. Wir greifen dann in Sekundenbruchteilen auf Erfahrungswerte zurück und treffen eine Entscheidung, ohne dass unser analytischer Verstand in diesem Moment genau erklären könnte, warum wir das tun.

Durch Achtsamkeit trainieren wir aktiv unsere intuitive Intelligenz, indem wir die verschiedenen gefühlsmäßigen Reaktionen unseres Organismus besser kennenlernen.

Unter Meditierenden gilt das intuitive Denken als ein hohes Ziel. Jeder Mensch besitzt ein intuitives Denken, egal ob er meditiert oder nicht. Meditation aber kann das intuitive Denken ins Bewusstsein heben und genauso bewusst werden lassen wie das gewohnte sprachliche Denken.

– Heinz Hilbrecht, aus „Meditation und Gehirn”

Gefühlstönungen wahrnehmen

Jedes unserer Gefühle hat eine subjektive Qualität. Das heißt, es ist entweder unangenehm, neutral oder angenehm. Dem direkten Sinneseindruck folgt eine unmittelbare subjektive Wertung, die bei ungeübten Menschen meist unbewusst abläuft. Bei (un)angenehmen Gefühlen können wir die gesamte Bandbreite zwischen Ekstase bis hin zu extrem unangenehmen Gefühlen wahrnehmen. Dabei hängt die Intensität der unangenehmen Gefühle direkt damit zusammen, wie sehr wir uns gegen die momentane Situation wehren. Das kann manchmal ganz natürliche Gründe haben, denn in gewissen Situationen ist es überlebensnotwendig, dass der Organismus beispielsweise mit Angst reagiert. (Wer möchte schon total gelassen in einen herbeifahrenden LKW laufen?) Die meisten unangenehmen Gefühle erzeugen wir jedoch in Situationen, in denen keine wirkliche Gefahr besteht.

Wenn wir hingegen ein angenehmes Gefühl empfinden, dann möchten wir dieses oft zwanghaft verlängern oder wiederholen, wodurch es sich unerwartet und unkontrolliert in ein unangenehmes Gefühl verwandeln kann. Die für die Achtsamkeit wichtigen neutralen Gefühle ignorieren wir gewohnheitsmäßig und somit entwickeln sich aus ihnen entweder Langeweile oder Unruhe.

Die subjektive Wertung eines Gefühls nennt man auch Gefühlstönung (englisch: feeling tone, im Buddhismus: vedana). Das Wahrnehmen von Gefühlstönungen spielt eine zentrale Rolle beim achtsamen Erforschen der eigenen Erfahrung.

Durch Achtsamkeit können wir immer feinere Veränderungen und Abstufungen in unserem Gemütszustand wahrnehmen und diese bewusst bewerten und verarbeiten. Um herauszufinden wie wir mit Gefühlen achtsam umgehen können, müssen wir uns wieder das Ziel der Achtsamkeit ins Gedächtnis rufen: Freiheit. Niemand möchte auf Dauer ständig unangenehme Gefühle und Emotionen empfinden, aber unsere unbewussten Strategien um angenehme Gefühle herbeizuführen, bringen uns langfristig keine Freiheit, sondern führen uns vielmehr in die Abhängigkeit. Anstatt das Prinzip zu erkennen, welches in unserem Bewusstsein gewohnheitsmäßig abläuft, versuchen wir angenehme Zustände durch externe Umstände und Sinneseindrücke künstlich herbeizuführen. Dies funktioniert immer nur kurzfristig und wir benötigen langfristig mit dieser Strategie immer intensivere Reize, um ein Glücksgefühl zu erzeugen.

Die Möglichkeiten sind dabei so vielfältig wie die Menschen selbst (z. B. Konsum von materiellem Luxus, Ausüben von Macht, Rauchen, Alkohol, Sex, Essen, gefährliche Hobbys). Schnell geht das gesunde Mittelmaß verloren und wir schaden unbemerkt anderen und uns selbst. Die globalen Ergebnisse dieser Strategie können wir heute in ihrem ganzen Ausmaß wahrnehmen, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Von sozialer Ungerechtigkeit, über signifikant ansteigende Zahlen psychischer Erkrankungen, Tierquälerei in der Massentierhaltung, bis hin zur menschengemachten Zerstörung des Ökosystems liegt immer die unbewusste Gewohnheit des Menschen zugrunde, angenehme Gefühle durch externe Reize erzeugen zu wollen. Diese Tendenz sichtbar zu machen ist zentraler Bestandteil der Achtsamkeit.

Achtsamkeit als Alternative

Unsere Konditionierungen und Gewohnheiten sind vielschichtig und deshalb manchmal schwer zu durchschauen – vor allem wenn wir gerade erst damit angefangen haben, unseren Gefühlen Achtsamkeit zu schenken. Dabei hilft es sich bewusst zu machen, dass unsere gefühlsmäßigen Reaktionen sowohl biologisch, gesellschaftlich, als auch durch persönliche Erlebnisse bedingt sind. Unsere biologischen Dispositionen, unsere animalischen Instinkte wenn man so will, werden in einer individualistisch geprägten Konsumgesellschaft zusätzlich verstärkt. Das Nachdenken über die Konsequenzen des eigenen Handelns ist daher ebenfalls ein elementarer Bestandteil der Achtsamkeit. Kann ich es verantworten, meine eigenen angenehmen Gefühle über das durch meine Handlungen erzeugte Leid zu stellen?

Achtsamkeit bietet eine Alternative zu unseren gewohnheitsmäßigen Strategien. Während ein ungeübter Mensch seinen Gefühlen und Emotionen manchmal hilflos ausgeliefert ist, können wir durch Achtsamkeit lernen, auf welche Gefühle wir uns verlassen können und wann wir von ihnen in die Irre geführt werden.

Echte Freiheit entsteht erst dann, wenn wir unsere Gefühle bewusst wahrnehmen und selbst entscheiden können ob wir diese ausleben möchten oder nicht.

Zwischen Gefühlen und Emotionen unterscheiden

Es ist nützlich in der Achtsamkeit zwischen körperlichen Gefühlen und Emotionen zu unterscheiden. Emotionen sind oft mit komplexeren Gedankenmustern und Geistesgewohnheiten verbunden, auf die ich im nächsten Teil dieser Serie genauer eingehen möchte.

Für diese Unterscheidung kann eine klare Definition bzw. ein Konzept hilfreich sein. Was Definitionen und Konzepte angeht bin ich jedoch prinzipiell etwas vorsichtig. Jedes Konzept an dem wir festhalten, müssen wir vielleicht später wieder loslassen.

In der Achtsamkeit sind Definitionen und Konzepte von rein pragmatischer Natur. Sie helfen uns dabei uns selbst besser kennenzulernen, um zu mehr gelebter Freiheit und innerem Frieden zu finden. Wenn unsere Definitionen diese Ziele nicht unterstützen, dann stehen sie uns irgendwann im Weg. Wir verstricken uns dann in unseren selbst erschaffenen Gedankenkonstrukten.

Wer daran interessiert ist, eines der komplexesten buddhistischen Bücher zu lesen, der kann sich am Abidhamma Pitaka ausprobieren. Der Abidhamma ist der dritte Teil des Pali Kanon und Grundlagentext der Tradition des Theravada-Buddhismus. Vor allem traditionsbewusste und glaubensorientierte Theravada-Buddhisten empfinden dieses Mammutwerk in sieben Büchern, mit seinen zahlreichen Kommentaren, als den Höhepunkt buddhistischer Psychologie und Philosophie.

Ich möchte natürlich nicht ausschließen, dass auch in diesem Werk wertvolle Weisheiten zu finden sind, für mich liegt hier jedoch ein grundlegendes Missverständnis vor: Durch das Schaffen von komplexen Gedankenkonstrukten werden lediglich weitere Hindernisse geschaffen, die dem eigentlichen Ziel der Freiheit und dem Aufwachen im Wege stehen. Der Buddha verglich seine Lehre mit einem Floß, welches nützlich ist um einen reißenden Fluss zu überqueren. Sind wir jedoch erstmal am sicheren Ufer angelangt, macht es keinen Sinn das Floß weiter auf dem Rücken mit uns herumzutragen. (Die komplette Geschichte gibt es in der Textsammlung von Stephen Batchelor: „The Raft”, S. 8)

Wir könnten uns an dieser Stelle also leicht in Definitionen aus dem traditionellen Buddhismus, der Psychologie oder der Gehirnforschung verlieren. Anstatt dessen möchte ich Euch meine recht pragmatische Definition verraten, mit welcher ich Gefühle und Emotionen auseinanderhalte. Du solltest sie nur dann übernehmen, wenn sie Dir bei Deiner eigenen Übung hilft.

Eine Emotion kann man, im Gegensatz zu einem Gefühl, mit einem Wort klar beschreiben: Also z. B. Wut, Angst, Trauer, Freude, Kummer, Lust, Hass, Ungeduld, usw.

Warum ist diese Definition (für mich) hilfreich?

Wenn ich im Alltag Achtsamkeit praktiziere, dann benötige ich Strategien, um auch in spontanen Situationen schnell meine Verhaltensmuster wahrnehmen zu können. So kann ich eine aufsteigende Emotion beispielsweise mit dem Etikett „Wut” versehen, ohne dass ich lange darüber nachdenken muss. Das ermöglicht mir die Freiheit bewusst zu entscheiden, ob eine Reaktion aus dieser Emotion heraus in der momentanen Situation angebracht ist oder nicht. In einer stillen Minute kann ich dann bei Bedarf darüber reflektieren, ob die spontane emotionale Reaktion mit irgendwelchen Verhaltensmustern zusammenhängt oder vielleicht sogar Ausdruck einer tiefer gehenden Unzufriedenheit mit meinem Leben ist.

Wer einen guten Draht zu seinem Körper entwickelt hat, kann früher oder später auch auf die „mentale Benennung” der Emotionen verzichten und diese anhand der gefühlsmäßigen Reaktion im Körper wahrnehmen. So wirkt sich Ungeduld bei mir z. B. in einem Engegefühl im Brustbereich aus. Durch das Trainieren mit den Etiketten erkennt mein Bewusstsein die meisten Emotionen mittlerweile automatisch, ohne dass ich aktiv etwas tun muss. Ich kann dann selbst entscheiden, ob es in dieser Situation angebracht ist aus der Emotion heraus zu handeln.

Zusammenfassung

Die Übungsanweisung für das achtsame Erforschen von Gefühlen (und Emotionen) ist einfach in der Theorie und anfangs schwierig in der Umsetzung. Wenn wir uns in Achtsamkeit üben, dann versuchen wir sowohl angenehme als auch unangenehme Gefühle mit Akzeptanz und Wohlwollen wahrzunehmen, anstatt gewohnheitsmäßig Angenehmes herbeizusehnen und gegen Unangenehmes einen Widerstand aufzubauen.

Durch diese Herangehensweise kultivieren wir langfristig Gefühle und Emotionen, die für uns und andere heilsam sind, wie z. B. Dankbarkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl, Gelassenheit und eine tief gehende Zufriedenheit, die im Laufe der Zeit immer weniger von äußeren Umständen abhängig ist.

Anregungen zur Meditation: Gefühlstönungen im Alltag wahrnehmen

Die folgenden Punkte sind keine sequentielle Anleitung, sondern vielmehr eine Sammlung von Anregungen. Finde selbst heraus was für Dich funktioniert.

- Nimm Dir an einem Tag in der Woche (oder auch öfter) vor, gezielt auf Deine Gefühlstönungen zu achten. Nimm sie interessiert und wohlwollend wahr. Besonders zu Beginn ist das gerade bei unangenehmen Gefühlen schwierig, da wir diese gewohnheitsmäßig wegschieben möchten. Das ist nicht schlimm und vollkommen normal, mach Dich deshalb nicht fertig, sondern nimm auch diese Reaktion in Deinem Geist wahr.

- Wie genau soll ich die Gefühle wahrnehmen? Du könntest Dir z. B. vor Deinem inneren Auge sagen: „angenehm”, „unangenehm” oder „neutral”. Wenn Du kannst, nimm sie einfach wahr ohne sie zu benennen. Wie fühlen sich bestimmte gefühlsmäßige Reaktionen im Körper an? An welcher Körperstelle nimmst Du sie wahr? (Hierzu gibt es eine interessante Studie) Du musst nichts in Deine Erkenntnisse hineininterpretieren, nimm wahr was wirklich da ist. Achte auch auf die Intensität der Gefühlstönungen.

- Versuche sowohl angenehme als auch unangenehme Emotionen wohlwollend wahrzunehmen. Benenne sie gedanklich mit „Wut”, „Angst”, „Dankbarkeit” etc. ... Reflektiere darüber welche gedanklichen Muster und Geschichten hinter den Emotionen stecken. Das kannst Du z. B. auch im Nachhinein machen, wenn dafür in einer spontanen Situation keine Zeit ist. Welche Emotionen möchtest Du kultivieren und welche nicht? Wie hängen diese Emotionen mit Deinem Tagesablauf und mit Deinen Lebensumständen zusammen?

- Kannst Du Verhaltensmuster an Dir selbst erkennen? Gibt es bestimmte Situationen oder Elemente deiner bewussten Erfahrung, auf welche Du regelmäßig mit bestimmten Gefühlen reagierst?

- Achte gelegentlich auch auf die Wechselwirkungen zwischen Sinneseindrücken, Gefühlen, Emotionen und Geistesgewohnheiten. Nimm wahr wie die Bereiche Deiner bewussten Erfahrung sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.

- Nimm wahr, wie Du Dich mit manchen Gefühlen und Emotionen mehr oder weniger identifizierst. Vielleicht wirst Du feststellen, dass dies bei selbstlosen Gefühlen und Emotionen nicht passiert (z. B. Dankbarkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl).

- Stelle ab und zu die Frage: Wer fühlt hier eigentlich?

Im vierten Teil dieser Serie wird es um das meditative Erforschen von Geistesgewohnheiten gehen.

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