Was ist Achtsamkeit? Teil 4: Gedanken 2019-02-07
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Was ist Achtsamkeit? Teil 4: Gedanken

Gedanken sind keine Fakten und wir sind nicht unsere Gedanken. Wenn wir das wissen, können wir flexibler mit unseren Gedanken und mit unserem Leben umgehen.

– Ed Halliwell, aus dem Buch The Mindful Manifesto, frei übersetzt

Wir sind nicht unsere Gedanken

Während wir dazu neigen unseren Körper zu verdinglichen, so ist die Beziehung zu unseren Gedanken meist eine andere: Wir haben einen Körper, aber wir sind unsere Gedanken. Identität entsteht durch das Anhaften an Gedankenkonstrukten im Geist. In einer individualistisch geprägten Konsumgesellschaft zelebrieren wir das Anhaften an Gedanken und Identitäten.

Die Konsequenzen dieser weit verbreiteten Geisteshaltung werden in vielfältiger Weise immer sichtbarer, beispielsweise im Anstieg von psychisch bedingten Krankheiten. Während die (meisten) Krankheiten des Körpers heute offen diskutiert werden können, so ist dies bei psychischen Krankheiten für die Betroffenen um ein Vielfaches schwieriger. Denn wenn etwas mit unseren Gedanken nicht stimmt, dann stehen oft auch zentrale Aspekte unserer Identität in Frage. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO könnten sich Depressionen bzw. affektive Störungen bis 2020 zur zweithäufigsten Volkskrankheit weltweit entwickeln.

Auch Ideologien funktionieren nach dem Prinzip der geistigen Identifikation. Wir verschreiben uns einer gedanklichen Vorstellung wie die Welt sein sollte, um nach ihr unser Denken und Handeln auszurichten. Charakteristisch für dualistische Weltanschauungen ist die Schaffung eines Feindbildes als Abgrenzung nach außen. Die da draussen und wir hier drinnen. Die da oben und wir hier unten. Als kurzfristige Belohnung erhalten wir unter Gleichgesinnten ein angenehmes Gefühl der Zusammengehörigkeit oder der Überlegenheit. Der Prozess der Anhaftung an diese auf Abgrenzung basierenden Gefühlen geschieht jedoch unbewusst. Er ist für uns unsichtbar und steuert dennoch unser Denken und Handeln.

DURCH ACHTSAMKEIT KÖNNEN WIR DIE IDENTIFIKATIONEN UND VERSTRICKUNGEN IN UNSEREM GEIST SICHTBAR MACHEN UND SOMIT DIE BEDINGUNGEN FÜR EINE BEWUSSTERE UND AUTHENTISCHERE LEBENSWEISE SCHAFFEN. WIR SIND NICHT UNSERE GEDANKEN.

Um zu einer bewussteren Lebensweise zu finden, ist eine meditative Haltung gegenüber unseren Gedanken notwendig. Eine meditative Grundhaltung unterscheidet sich wesentlich von einer berechnenden und erwartungsvollen Haltung, welche sich aus unseren Erinnerungen und Konditionierungen ergibt.

Meditative Haltung ist bereit, ewig zu warten. Von jedem Anspruch auf Wissen befreit, wird nicht erwartet, dass irgendetwas besonderes geschieht. Solches Warten begnügt sich damit, die Dinge sein zu lassen und gleichzeitig anzuerkennen, dass es, im Geheimnis verborgen, etwas Unbekanntes gibt. Das, was verhüllt ist, kann nicht hervor gelockt werden. Es hat seine eigene Zeit jenseits der Zeit des Erinnern und Antizipierens. Warten wartet; es ist in jedem Moment wachsam, hat aber keine Erwartungen.

– Stephen Batchelor, aus dem Buch The Faith to Doubt, übersetzt von Konrad Mohrmann

Wechselwirkungen und bedingtes Entstehen

Die Übungsfelder der Achtsamkeit sind eng miteinander verknüpft und es ist ein interessanter Übungsbereich, deren Wechselwirkungen im Bewusstsein zu erforschen und sichtbar zu machen. Es macht wenig Sinn unsere Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken nur getrennt voneinander zu betrachten, denn sie entstehen und existieren miteinander. Im Buddhismus spricht man vom „bedingten Entstehen”.

So kann ein Sinneseindruck ein Gefühl auslösen, welches einen Gedanken aus der Erinnerung ins Bewusstsein ruft, welches wiederum das vorhandene Gefühl zu einer Emotion verstärkt. Der Anblick eines (für uns) unsympathisch aussehenden Menschen bewirkt beispielsweise ein unangenehmes Gefühl, welches die Erinnerung an einen ähnlich aussehenden Freund wachruft, der uns in der Vergangenheit unfair behandelt hat. Diese Erinnerung wiederum verstärkt das unangenehme Gefühl zu einer Emotion, die wir damals im Streit mit unserem Freund empfunden haben, beispielsweise Wut.

Da all diese Schritte sehr schnell ablaufen, ist es ein bisschen als wurden wir aus heiterem Himmel von einem Zug erwischt. Als wir wieder zu uns kommen, kleben wir auf der Windschutzscheibe der Lokomotive und haben keine Ahnung was zwischen Aufprall und dem Zeitpunkt unseres Bewusstwerdens passiert ist. Wir können uns wahrscheinlich nichtmal mehr an den Aufprall erinnern. Zugegebenermaßen hinkt der Vergleich etwas, denn glücklicherweise sind Gedankenzüge nicht ganz so tödlich wie ihr reales Gegenstück.

Die im Beispiel entstandene Emotion der Wut führt nun wieder zu weiteren Gedanken, Gefühlen, Emotionen und Handlungen, wenn sie unbemerkt bzw. unbewusst bleibt. Wir sind dann vermutlich schlecht gelaunt oder aggressiv, ohne wirklich zu wissen warum. Durch die starke Identifikation mit den auftretenden Emotionen fühlen wir uns abgeschnitten von unserer Umwelt, was die Identifikation mit unseren Gedanken wiederum verstärkt.

DURCH ACHTSAMKEIT LERNEN WIR UNSER TERRAIN KENNEN. WIR VERSTEHEN DIE BEDINGUNGEN, UNTER DENEN BESTIMMTE KONDITIONIERTE REAKTIONSKETTEN AUSGELÖST WERDEN. JEDER MOMENT DER ACHTSAMKEIT EBNET DEN WEG ZU EINER FREIEREN UND BEWUSSTEREN GESTALTUNG UNSERES LEBENS.

Wo sind die Gleise verlegt auf die wir Acht geben müssen, wenn wir nicht von einem Gedankenzug in die Bewusstlosigkeit mitgerissen werden möchten? Durch das Erforschen unseres geistigen Terrains lernen wir auch die Verbindungen zwischen Gedanken und unterdrückten Gefühlen bzw. Emotionen besser kennen. Indem wir uns weniger auf die Inhalte konzentrieren, sondern mehr auf die im Geist ablaufenden Prozesse, haben wir eine Chance deren Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Unpersönlichkeit zu erkennen.

Unsere Emotionen enthüllen unseren unbewussten Intellekt. Wir reagieren emotional auf Gedanken, von denen wir oft gar nicht wissen, dass wir sie haben. Auf diese Weise manifestieren sich unsere unbewussten Gedanken.

– Adyashanti, aus dem Buch The End of Your World, frei übersetzt

Nicht verurteilen

Beim meditativen Erforschen von Gedanken spielt das oft zitierte „nicht bewerten” eine zentrale Rolle. Ich empfinde den Begriff „nicht verurteilen” jedoch als hilfreicher. Etwas nicht zu bewerten erweckt den Eindruck, dass es sich hierbei um eine rein intellektuelle Aufgabe handelt. „Nicht bewerten” falsch verstanden führt schnell zu Rechtfertigung von unheilsamen Geistesgewohnheiten und Handlungen.

In Unterhaltungen über eine fleischlose Ernährung höre ich beispielsweise immer wieder den Satz: „Das soll jeder so machen wie er will.” Zwar suggeriert diese Aussage Toleranz und Offenheit durch das „Nicht-werten” der Handlungen meiner Mitmenschen, dahinter verbirgt sich jedoch ein tief im kollektiven Unterbewusstsein verankerter Rechtfertigungsmechanismus. Durch diese Art des „Nicht-wertens” distanzieren wir uns von den Konsequenzen unseres eigenen Handelns. Wir kappen die Verbindung zu unserem natürlichen Mitgefühl.

„NICHT ZU BEWERTEN” FALSCH VERSTANDEN KANN UNSERE KRITIKFÄHIGKEIT UNTERWANDERN. “NICHT ZU VERURTEILEN” INVOLVIERT JEDOCH UNSERE HERZENSQUALITÄTEN UND EBNET DEN WEG FÜR EINE KRITIKFÄHIGKEIT, DIE NICHT AUF UNSEREN PERSÖNLICHEN VORLIEBEN UND INTERESSEN BASIERT, SONDERN AUF EINEM TIEFEREN VERSTÄNDNIS DER MENSCHLICHEN ERFAHRUNG.

In achtsamen Momenten können wir alle gegenwärtigen Bestandteile des Bewusstseins wahrnehmen und annehmen, ohne uns dafür zu verurteilen. Das erfordert Mitgefühl und einen sanften Umgang mit uns selbst. Wut, Gier, Lust, Hass, Kummer oder Angst sind Geistesgewohnheiten die höchstwahrscheinlich nicht zu unserem idealisierten, moralischen Bild von uns passen. Daher verdrängen wir diese, anstatt uns ihrer liebevoll anzunehmen; anstatt sie als Lehrer zu verstehen und als Teil von uns anzuerkennen. Paradoxerweise führt jedoch gerade diese Strategie zu mehr von genau dem, was wir verdrängen. Unterdrückte Wut führt zu mehr Wut, unterdrückte Lust führt zu mehr Lust, unterdrückte Trauer führt zu mehr Kummer und Niedergeschlagenheit.

Wenn Herz und Verstand zusammen arbeiten, kann eine heilsame Grundhaltung im Geist entstehen. Im Buddhismus spricht man von „rechter” Achtsamkeit, um von einem falschen Verständnis einer zweckgebundenen Achtsamkeit zu unterscheiden. Mit rechter Achtsamkeit eröffnet sich ein Raum, in dem wir alle Bestandteile unseres Bewusstseins als einen Teil von uns annehmen können.

Alles hängt von der Absicht ab, die hinter unserem Tun (also hinter unserem Denken, Reden und Han­deln) – und die hinter unserer Achtsamkeit wirkt! Achtsames Gewahrsein, damit es zur „Überwindung von Kummer und Leiden führt” wie der Buddha es ausdrückte, muss von heilsamen Absichten moti­viert sein. Dann (und nur dann) ist es „rechte oder heilsame Achtsamkeit”.

– Fred von Allmen

DURCH RECHTE ACHTSAMKEIT WIRD UNSERE KRITIKFÄHIGKEIT NICHT UNTERWANDERT, SONDERN VERBESSERT. ANSTATT NACH EIGENEN PRÄFERENZEN UND ANSICHTEN ZU BEWERTEN, FRAGEN WIR UNS: WAS IST HEILSAM FÜR MICH UND ANDERE? WIE KANN ICH MEINE ERKENNTNISSE PRAKTISCH UMSETZEN UND VERTIEFEN? DAMIT ÜBERNEHMEN WIR VERANTWORTUNG FÜR UNSEREN GEIST, UNSER HANDELN UND FÜR DAS GESCHENK DES LEBENS.

Anregungen zur Meditation
(von Stephen Levine, aus dem Buch Who Dies?: An Investigation of Conscious Living and Conscious Dying, frei übersetzt)

Den Geist ins Herz fließen lassen
(Dies ist eine geführte Meditation, die man entweder langsam einem Freund vorlesen kann, oder für sich selbst still wiederholt.)

Denke an einen unannehmbaren Gedanken. Ein Gedanke von dem niemand wissen soll, dass Du ihn hast.
Lass ihn einfach da sein.
Aber lass ihn mit Mitgefühl da sein.

Fühle, wie der Geist um den Gedanken herum enger wird, wie er versucht den Gedanken loszuwerden. Nimm wahr, wie der Geist vor sich selbst Angst hat. Fühle die Struktur der Angst. Nimm wahr, wie wir unser Leben vor einem Spiegel leben.

Jetzt nimm den Gedanken und anstatt ihn mit Abneigung und Anspannung zu umgeben, lass ihn frei im Geist schweben. Lass ihn einfach da sein. Erlaube dem Gedanken als eine Empfindung im Geist wahrgenommen zu werden. Fühle seine Dichte, seine scharfen Kanten.

Jetzt erlaube dem Gedanken allmählich ins Herz zu sinken. Bringe die Empfindung hinunter durch deinen Hals in Deinen Körper. Lass ihn sich in der Herzregion niederlassen, in der Mitte Deiner Brust. Lass den Gedanken dort einfach sich selbst denken, in der Geräumigkeit in welcher alles seinen Platz findet und nichts verurteilt wird.

Egal ob es der Gedanke an Masturbation, Homosexualität, Gewalt, Angst oder Unehrlichkeit ist. Was auch immer es für ein Gedanke ist, der Dir Angst macht und vollkommen unannehmbar ist, erlaube ihm sanft in die außergewöhnliche Offenheit des Herzens zu sinken, wo er mit Herzlichkeit und Geduld angenommen wird.

Die natürliche Offenheit des Herzens schließt nichts aus. Sie erfährt jeden Gedanken mitfühlend als eine weitere Bewegung im Geist, einfach als ein weiteres Gefühl.

Erlebe das sanfte Mitgefühl. Nimm wahr, wie Angst ein Gefängnis für den Geist ist. Komm nach vorne in die Wärme und Liebe Deiner wahren Natur.

Vor was Angst haben?
Was ist es wert, das Gefängnis der Selbstverteidigung aufrecht zu erhalten?

DER ABSCHLIESSENDE TEIL DIESER SERIE WIRD EIN VERSUCH, DIE ÜBUNG DER ACHTSAMKEIT IN DEN GESAMTKONTEXT DES LEBENS UND DER HEUTIGEN ZEIT EINZUORDNEN

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