hufeisen

Was Mike der Bettler mir über das Glück beibrachte

Mike der Bettler

Etwa zwei Jahre meines Lebens verbrachte ich in San Francisco, ein paar Monate davon im geschäftigen Stadtteil North Beach. Auf meinem täglichen Weg zur Bushaltestelle, vorbei an den zahlreichen Striptease Bars und Clubs der Gegend, traf ich regelmäßig auf Mike. Vor den vergitterten Fenstern eines Pizzaladens, der so früh am Morgen noch geschlossen hatte, saß und bettelte er bei Wind und Wetter. Ab und zu warf ich ihm ein paar Münzen in seine Plastiktasse, die er mir mit seinen tätowierten Händen entgegenstreckte. Manchmal grüßten wir uns auch einfach nur höflich, jedenfalls hatte er immer ein Lächeln parat. Wenn ich besonders früh dran war, unterhielten wir uns kurz und er erzählte mir ein paar Geschichten aus seinem Alltag. Er wohnte in einem Zimmer bei seiner Mutter, nur ein paar Straßen weiter. Oberflächlich betrachtet hatte es das Leben nicht sonderlich gut mit ihm gemeint, das schien seiner guten Laune jedoch keinen Abbruch zu tun.

Eines Tages bat mich ein Freund Flyer für Jugend- und Studentenreisen von Pangea Trails zu verteilen (verzeiht die Schleichwerbung an dieser Stelle, aber die Seite von Alex ist wirklich besuchenswert). Da ich wie immer notorischen Zeitmangel hatte, kam mir eine Idee.

Ich entschied mich Mike 20 Dollar zu geben und ihn zu fragen ob er ein paar Flyer und Plakate für mich verteilen würde. Mike war von der Idee (und von der Bezahlung) begeistert. Voller Vorfreude berichtete er mir, wo er die Werbeutensilien überall verteilen würde. Ich kann es natürlich nicht genau sagen, aber ich denke was ihn am meisten gefreut hat war die Tatsache, dass ihn plötzlich jemand brauchte.

Ihn, der sonst nur aus gesellschaftlich konditioniertem Mitleid von Menschen wie mir ein paar Münzen in seinen Plastikbecher geworfen bekommt. Vollkommen unerwartet sprang Mike’s Dankbarkeit auf mich über und erfüllte mich, anders als bei meinen vorherigen Almosen, mit einem echten und tief gehenden Glücksgefühl, welches mich in den Tag hinein begleitete.

Was macht mich glücklich?

Auf unserer selbst-zentrierten Suche nach dem Glück vergessen wir oft eine entscheidende Eigenschaft von echtem Glück: Echtes Glück ist selbstlos. Die Begegnung mit Mike machte mich auf etwas aufmerksam, dass ich zwar theoretisch wusste, aber in meiner egozentrischen Suche nach dem perfekten Glück nicht wirklich lebte. Goethe formulierte diese Entdeckung in einfachen Worten:

Froh ist nur, wer geben mag.

– Johan Wolfgang Goethe

Wenn wir selbstlos geben können, dann gibt es in diesem Moment keinerlei Erwartungen. Es gibt in solchen Momenten weder einen Geber noch einen Nehmer, sondern einfach nur Großzügigkeit und Dankbarkeit. Selbstloses Geben können wir jedoch nicht erzwingen, denn das wäre ja schon wieder eine Erwartung. Selbstloses Geben muss auch nicht immer auf andere Personen bezogen sein. Manchmal ist das Großzügigste was wir tun können, sich um unseren Körper oder um unsere Psyche zu kümmern. Die Fähigkeit selbstlos zu geben hängt jedoch eng mit dem Verstehen der eigenen Erfahrung zusammen, also mit der eigenen verkörperten Weisheit. Manchmal passiert es ganz natürlich und zufällig, dass wir selbstlos geben. Nicht-diskriminierende Großzügigkeit ist eine natürliche Eigenschaft des Menschen, welche wir uns in einer egozentrisch orientierten Gesellschaft weitgehend abtrainiert haben.

Wir stellen uns die Frage: „Was macht mich glücklich?” – Ohne dabei zu bemerken, dass die Frage an sich fehlerhaft ist. Das „mich” gibt es nämlich nur in unserer Vorstellung vom Glück, es ist Teil unserer verzerrten Selbstwahrnehmung. Das heißt jedoch nicht, dass echtes Glück deshalb nur zufällig passiert, wie etwa in meiner Begegnung mit Mike. Echtes Glück lässt sich kultivieren. Wir müssen jedoch genau hinschauen in welche Richtung wir unser Leben lenken und welche Kräfte uns antreiben. Das ist manchmal gar nicht so einfach, da unser Ego sich die wildesten Geschichten ausdenkt, um uns auf die falsche Fährte zu locken.

Mir persönlich haben Meditation und Achtsamkeit geholfen dem Ego auf die Schliche zu kommen und mein Leben in Richtung echtes Glück auszurichten. Jetzt erfahre ich es öfter und bewusster, manchmal in den scheinbar unbedeutsamen Details am Wegesrand des Lebens.

Danke

Wenige Tage nachdem ich Mike als Marketing-Experten eingestellt hatte, waren die Häuserwände, Schaufenster und Auslagen der Ladengeschäfte auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit mit Plakaten und Flyern von Pangea Trails bestückt. Als ich an Mike’s Stammplatz vorbeikam, empfing er mich bereits mit freudiger Erwartung und erzählte mir wild gestikulierend wo er überall die Werbeutensilien verteilt hatte. Da war es wieder, das Gefühl von echtem Glück und ich saugte es jeden morgen mit Mike’s herzlicher Begrüßung aufs Neue auf.

Doch eines morgens war Mike nicht mehr da. Von da an hatte ich ihn nie wieder auf meinem Weg zur Bushaltestelle gesehen und ich weiß bis heute nicht wie es ihm ergangen ist. Wo auch immer Du Dich befindest Mike, ich danke Dir für diese wertvolle Lektion.

Meine Taten sind meine einzig wirklichen Besitztümer.

– Thich Nhat Hanh, frei übersetzt

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