exit

Wo rennen wir eigentlich hin?

Fast lane
High speed
On the grind
24/7

No time
Always running here and there
Chasing the money

So much jibber jabber’s
Clogging up our soul

Where are we running?
We need some time to clear our heads
Where are we running?
Keep on working ‚til we’re dead
Where are we running?
Where are we running now?

– Lenny Kravitz

Wann ich mit dem Rennen begann? Das kann ich heute nicht mehr so genau sagen.

Da es irgendwie unbemerkt geschah, muss es wohl ein fließender Übergang gewesen sein, als ich Schritt für Schritt die Gewohnheiten meiner Kultur annahm. Als Kinder haben wir die erstaunliche Fähigkeit, voll und ganz im gegenwärtigen Moment zu sein. Wenn wir spielen, dann spielen wir. Wenn wir unserem Vater an den Lippen hängen, weil er uns eine faszinierende Geschichte erzählt, dann hören wir einfach nur zu. Wenn wir Quatsch machen, dann machen wir Quatsch. Natürlich empfinden wir als Kinder auch ab und zu Angst, aber wenn wir das Glück hatten, eine einigermaßen behütete Kindheit zu erleben, dann wurden aus diesen Ängsten in der Regel keine „Sorgen über die Zukunft“oder gar „Depressionen“. Diese Form der Ängste scheint uns Erwachsenen vorbehalten zu sein. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die getrieben ist vom Wunsch nach „Mehr“ und im Laufe der Jahre muss ich wohl irgendwie meine Fähigkeit verloren haben, voll und ganz im gegenwärtigen Moment zu sein.

Ich weiß auch nicht mehr so genau, warum ich überhaupt mit dem Rennen anfing und wohin ich eigentlich rennen wollte. Man sollte denken, dass etwas Wundervolles auf einen wartet, wenn man die meisten seiner Gedanken in der Zukunft verbringt.

Natürlich ist da immer das nächste Projekt was fertig werden muss, ein toller Urlaub auf den man geistig hinarbeitet oder der nächste technische Schnickschnack, den man unbedingt haben muss – nicht zu vergessen die tausend zusätzlichen unerledigten Dinge auf unserer Todo Liste. Aber was kommt danach? Vielleicht wartet da ja nur noch mehr Rennen?

Anfang 2013 stand ich kurz vor einem Burnout. Außer meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau hat das jedoch kaum jemand bemerkt – vielleicht weil alle anderen selbst damit beschäftigt waren, irgendwo hinzurennen. Ich weiß es nicht. An den Visual Effects für namhafte Blockbuster zu arbeiten hört sich für viele Menschen unglaublich spannend an – zumindest sagen das die meisten, wenn ich von meiner Arbeit erzähle. Die Wahrheit ist jedoch, dass auch hier die Gier nach „Mehr“ längst aus einem einst kreativen Arbeitsumfeld eine Fließbandfertigung gemacht hat. Der kleine Künstler am Ende der Produktionskette sitzt vor seinem Monitor und schiebt die Pixel von links nach rechts oder umgekehrt, frei nach Belieben und Laune des meist unschlüssigen Kunden. Unterm Strich bedeutet das oft: Stagnierende oder schrumpfende Entlohnung für komplexer werdende Arbeit bei kürzer werdenden Projektzyklen und längeren Arbeitszeiten. Bei den meisten Blockbustern sind hunderte von unterbezahlten und überarbeiteten Künstlern zu einem Großteil für den Erfolg der Filme verantwortlich – und doch sind unsere Namen im Abspann erst dann zu sehen, wenn schon keiner mehr im Kino sitzt.

Schon seit längerem spielte ich mit dem Gedanken, aus dem Hamsterrad einmal auszubrechen. Aber man findet ja immer diverse Ängste und Ausreden, die einen davon abhalten unbekanntes Terrain zu betreten. Wir sind bequem geworden. Daher machen wir lieber weiter wie bisher, obwohl unser Herz bereits weiß, dass es uns nicht gut tut.

Doch dann tat ich es einfach. Auf Empfehlung von einem guten Freund, der das zwar selbst noch nie gemacht hatte, entschied ich mich dafür, 10 Tage am Stück in edler Stille zu meditieren. Die Meditationstechnik „Vipassana“ wird auch „Einsichtmeditation“ genannt. Man findet sich, abgeschieden von der Außenwelt, in einem rigorosen Zeitplan wieder, der morgens um 4 Uhr beginnt und erst am späten Abend um 22 Uhr mit dem Schlafengehen endet. Insgesamt 10 Stunden des Tages verbringt man damit, still und mit geschlossenen Augen auf einem Kissen zu sitzen.

Die Aufgabenstellung war scheinbar einfach: In den ersten drei Tagen, war die einzige Aufgabe, sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Vom vierten Tag an, sollten wir dann in einer Art „Body-Scan“ die eigenen Körperempfindungen von Kopf bis Fuß wahrnehmen, ohne auf diese zu reagieren. Die häufigsten Reaktionen von Familie und Freunden auf mein Vorhaben waren: „Des könnt ich net!“ oder „Warum sollte man sowas tun?“ Manchmal auch einfach nur blankes Entsetzen. Es stellte sich schnell heraus, dass ich das auch nicht konnte – zumindest zu Beginn. Da war es wieder, das Rennen. Nur diesmal ausschließlich in meinem Kopf. Um mich herum, edle Stille und wunderschöne Natur. In mir drin fühlte es sich so an, als ob sämtliche angestauten Emotionen und Konflikte der vergangenen 30 Jahre plötzlich an die Oberfläche sprudelten. Man merkt nicht, wie laut es im eigenen Geist ist, bevor man nicht einmal alle von außen kommenden Störgeräusche abstellt. Es brauchte ein weiteres 7-tägiges Schweige-Retreat unter der Leitung von Martine und Stephen Batchelor, bis das Rennen in meinem Kopf dann plötzlich und unerwartet eine Vollbremsung machte. Wer hätte gedacht, dass anhalten so schwierig sein kann, ohne sich abzulenken oder wegzuschauen, von dem was gerade ist. Voll und ganz im gegenwärtigen Moment.

Wenn das Rennen dann tatsächlich einmal aufhört, dann ist da nur noch eins: Freiheit. Und die suchen wir schließlich alle. Unsere Perspektive scheint sich durch das ständige Rennen jedoch so verzerrt zu haben, dass wir die Freiheit nicht mehr sehen können, obwohl sie näher ist als unsere Nasenspitze.

Es ist ein bisschen wie mit dem Bär, der inmitten eines Basketballspiels einen Moonwalk macht, während wir damit beschäftigt sind die Ballabgaben des weißen Teams zu zählen. Obwohl er die ganze Zeit direkt vor uns herumtanzt, bemerken wir ihn einfach nicht.

Wie können wir mit dem Rennen aufhören?

Bevor ich mich dazu entschied mein Leben bewusst in eine andere Richtung zu lenken, habe ich viel gezweifelt. Ich habe mir Fragen gestellt über die Art und Weise wie ich lebe und warum es mir nicht möglich ist, mit dem zufrieden zu sein was ich habe. Das hat mir geholfen aufzuwachen und festzustellen, dass ich in der Vergangenheit die meiste Zeit damit beschäftigt war meine eigene Unzufriedenheit zu erzeugen. Wir sollten das Zweifeln wieder gesellschaftsfähig machen. Wir sind darauf programmiert auf alle Fragen schnell und selbstsicher antworten zu können – und wenn wir dennoch keine eigene Meinung parat haben, dann findet Google die passende Antwort für uns. Zweifeln hat ein schlechtes Image, denn es bedeutet ja, dass man die Antwort nicht sofort weiß. Unsere alltäglichen Zweifel entstehen meist schlichtweg durch die Tatsache, dass wir zu viel Auswahl haben. Davon spreche ich allerdings nicht.

Echtes Zweifeln kommt von dem Gefühl, dass das Leben unbeständig ist. Ich habe von diesem Moment an, einen begrenzten und unbestimmten Zeitraum zur Verfügung. Habe ich genug gezweifelt um zu wissen, was ich in der verbleibenden Zeit mit meinem Leben machen möchte?

Zweifeln heißt sich selbst zuzuhören, offen zu sein für neue Wege, für kreative Lösungen und für persönliche Entwicklung. Zweifeln ist daher nichts Negatives – im Gegenteil. Echtes Zweifeln hat viel damit zu tun, wie ehrlich wir zu uns selbst sind. Zweifeln gibt uns die Möglichkeit aufzuwachen.

Diese Art des Zweifelns wird im Zen Buddhismus „großer Zweifel“ genannt. Wer mit seinem ganzen Wesen zweifelt, kann plötzlich und unerwartet, von einem Moment auf den Nächsten, den angestauten Berg von Zweifeln durchbrechen und damit für eine gewisse Zeit das Rennen komplett anhalten. Dann ist da erst mal nur noch Freiheit. In diesem Moment gewinnen wir weder etwas dazu, noch verlieren wir etwas. Alles ist anders und alles bleibt so wie es ist. Es ändert sich lediglich unsere Perspektive und wir stellen fest, dass die Freiheit schon immer mit uns war. Aufgrund unserer begrenzten Sichtweise auf das Leben, waren wir nur nicht in der Lage sie zu erkennen.

Ein Mönch namens Dingshangzuo, fragte Meister Linji: „Was ist Buddhismus?“ Linji stand abrupt auf, packte ihn am Hals, ohrfeigte ihn links und rechts, und schob ihn weg. Dingshangzuo war sprachlos. Einer der anwesenden Mönche sagte: „Das Gespräch ist vorbei, Dingshangzuo. Warum verbeugst Du Dich nicht einfach und gehst!?“ Dingshangzuo verbeugte sich und genau in diesem Moment wachte er aus einem tiefen Schlaf auf.

– Frei übersetzt aus „The Record of Linji“
(Linji Yixuan war Gründer der Linji Schule im chinesischen Chan Buddhismus im 9ten Jahrhundert)

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